https://www.faz.net/-gqe-6skot

Konjunkturbericht : Euroraum befindet sich am Rande einer Rezession

Bild: F.A.Z.

Wichtige Indikatoren sind stark gefallen. Die Peripherieländer stecken in der Rezession, andere stagnieren.

          Europas Konjunktur hat ein steiles Gefälle. Es gibt ein recht starkes Zentrum und kranke Randländer. Nun besteht aber die Gefahr, dass die Schwäche der Peripherie und die Schuldenkrise auch Kerneuropa in Mitleidenschaft ziehen. Bislang war die deutsche Wirtschaft die Wachstumslokomotive des Kontinents. In diesem Jahr dürfte sie wegen des starken Anfangsquartals um 2,8 Prozent zulegen, fast doppelt so viel wie der Euro-Rest. Der deutschen Wirtschaft geht es noch immer sehr gut. Das zeigen das Ifo-Geschäftsklima sowie der Auslastungsgrad der Industrie von fast 87 Prozent. Auch die Niederlande, Dänemark, Finnland, Schweden und Österreich haben das Vorkrisenniveau erreicht oder übertroffen. Frankreich, das mehr von Binnenkonsum abhängt, entwickelte sich bis zum Frühjahr ebenfalls gut.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Turbulenzen auf dem Finanzmarkt


          Die Euro-Staatsschuldenkrise hat im August zu schweren Finanzmarkt- und Bankenturbulenzen geführt. Nur die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank (EZB) verhinderten, dass die Risikoprämien für spanische und italienische Staatspapiere weiter nach oben stiegen. Die Verunsicherung der Finanzmärkte verstärkt die Abwärtsrisiken im ganzen Euroraum. Auch von der Weltwirtschaft kommen schwächere Impulse, das Exportwachstum bremst. Im September ist der Auftragseingang erstmals seit längerem deutlich gesunken (minus 2,1 Prozent), auch weil Großaufträge ausblieben.


          Nach dem schwachen zweiten Quartal, als das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nur um 0,2 Prozent gegenüber dem ersten Quartal (plus 0,8 Prozent) zunahm, ist für das dritte Quartal kaum mehr Dynamik zu erkennen. Enttäuschend schwach zeigte sich im Frühjahr der private Konsum, der vor allem in den krisengeplagten Südländern mit hoher Arbeitslosigkeit abnimmt. Die staatlichen Sparprogramme belasten ebenfalls die Konjunktur. In Deutschland spielten auch Sonderfaktoren wie eine Delle in der Baukonjunktur oder die Abschaltung vieler Atomkraftwerke eine Rolle. Die im Juli kräftig gestiegene deutsche Industrieproduktion ist dagegen ein Hoffnungsschimmer.


          Die Konjunkturampel für Europa steht derzeit auf Gelb. Im vierten Quartal könnte sie auf Rot umspringen. Die meisten Ökonomen prognostizieren eine Stagnation der Wirtschaftsleistung. Von einem „faktischen Stillstand“ zum Jahresende spricht EU-Wirtschaftskommissar Olli Rehn. Viele Volkswirte fürchten, dass es von der Stagnation zur Rezession nicht weit ist. „Gelingt es nicht, die Staatsschuldenkrise in den nächsten Monaten unter Kontrolle zu bringen, wird eine Rezession im Euroraum immer wahrscheinlicher“, warnt etwa die Commerzbank. Dagegen warnt der Chef des deutschen Sachverständigenrats Wolfgang Franz vor zu viel Pessimismus: „Es besteht die Gefahr sich selbst erfüllender Prophezeiungen. Deshalb sollte man mit dem R-Wort sehr sparsam umgehen.“


          Beunruhigend ist, dass wichtige Konjunkturindikatoren in den vergangenen Monaten nach unten gerauscht sind. Das von der Kommission durch Umfragen ermittelte Unternehmens- und Verbrauchervertrauen ist seit Juli und besonders im September gefallen. Der vielbeachtete Industrie-Einkaufsmanagerindex ist unter die 50-Punkte-Marke gefallen; das deutet auf eine sinkende Produktion hin. Die wichtigen Umfragebarometer liegen damit so schlecht wie seit Ende 2009 nicht mehr.

          Wenig ermutigende Prognosen


          Die Prognosen für das kommende Jahr sind kaum ermutigend: Für Deutschland ist annähernd eine Halbierung des Wachstumstempos zu erwarten. Führende deutsche Institute erwarten nur 0,8 bis 1,1 Prozent, der Internationale Währungsfonds (IWF) sagt Deutschland 1,3 Prozent Wachstum voraus. Ungefähr in diesem moderaten Tempo könnten sich auch Frankreich, die Niederlande und Belgien, etwas stärker Österreich und Finnland entwickeln. Südeuropa bleibt weit dahinter: Der IWF sagt Spanien magere 1,1 Prozent voraus, Italien bloß 0,3 Prozent Plus, Portugal und Griechenland eine Schrumpfung um bis zu 2 Prozent.


          Im Durchschnitt käme Europa nach der IWF-Prognose im kommenden Jahr auf 1,3 Prozent Wachstum - unter der Annahme, dass die Schuldenkrise nicht außer Kontrolle gerät. Einige Volkswirte sind inzwischen skeptischer: Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung hält 0,9 Prozent Zuwachs für realistisch, das Institut für Weltwirtschaft erwartet 0,5 Prozent Wachstum. Die Commerzbank hat ihre Prognose von 0,8 auf 0 Prozent gesenkt. Diese pessimistischen Ausblicke werden all jene bestärken, die von der EZB schon bald eine Lockerung der Geldpolitik erhoffen.

          Weitere Themen

          Als die Grenze fiel Video-Seite öffnen

          August 1989 : Als die Grenze fiel

          Die Welt hat lange stillgestanden an der ungarisch-österreichischen Grenze. Bis zum 19. August 1989. Dann, vor 30 Jahren, platzte zwischen Fertörákos und Mörbisch eine Nahtstelle des Eisernen Vorhangs – mit weitreichenden Folgen für die Region und ganz Europa.

          Topmeldungen

          Finanzminister Olaf Scholz hat sich gegen das von Wirtschaftsminister Peter Altmaier vorgelegte Konzept zur vollständigen Abschaffung des Solis ausgesprochen.

          Finanzminister : Scholz gegen komplette Soli-Abschaffung

          Finanzminister Olaf Scholz kritisiert das von Wirtschaftsminister Altmaier vorgelegte Konzept zur vollständigen Soli-Abschaffung als „Steuersenkung für Millionäre“. Der SPD-Politiker möchte vorerst nur 90 Prozent der Steuerzahler entlasten.
          Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, warnt die Parteien davor, eine Koalition mit der AfD einzugehen.

          Zentralrat der Juden : „AfD schürt Klima auch gegen Juden“

          Zentralratspräsident Josef Schuster warnt: Die AfD sei enger mit dem Rechtsextremismus verwoben, als sie es nach außen darstellt. Im Vorfeld der Wahlen in Sachsen und Brandenburg hält Schuster einen dringlichen Appell an alle Parteien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.