https://www.faz.net/-gqu-781rp

Zypern : Reinpauken

  • -Aktualisiert am

Große Finanzsysteme sind nicht schlimm. Wenn Haftung wieder ernst genommen wird - wie in Zypern.

          Zyperns Bankvermögen beträgt satte siebenhundert Prozent des dortigen Bruttoinlandsprodukts. „Wow!“, hallt es durch die europäische Öffentlichkeit. Angesichts dieser Unwucht muss doch etwas faul sein im Staate Zypern. In Deutschland, bescheiden wie stets, liegt das entsprechende Verhältnis gerade einmal bei drei zu eins.

          Geht es jetzt den Finanzplätzen an den Kragen? Kommt nach Zyperns Bankenabwicklung jetzt Luxemburg, Malta oder Liechtenstein dran (ganz zu schweigen von den Kaimaninsel, wo das Bankvermögen fünfzigtausendmal so groß ist wie die Wirtschaftsleistung)? Manche wollten in den vergangenen Tagen jene mehrdeutige Äußerung von Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem so lesen, wonach Zypern die Blaupause werden müsse für künftige Bankenrettungen.

          Ist die Größe des Bankensektors ein Krankheitsindikator?

          Das dürfte vielen Politikern gut in den Kram passen, denen jene kleinen Länder schon lange ein Dorn im Auge sind, die mit niedrigen Steuern Geld an ihre Finanzplätze ziehen. Wir sehen sie schon rechnen, normieren und deckeln, jene von Frankreich und Deutschland angestachelten Brüsseler Eurokraten: Damit „Maß und Mitte“ wieder hergestellt sind und Banken nicht mehr Staaten in den Abgrund reißen, wird das Verhältnis von Bankbilanzen und BIP künftig bei vier zu eins begrenzt. Und weil sie schon dabei sind, harmonisieren die Freunde aus Brüssel am besten auch noch den Steuerwettbewerb zwischen Staaten (natürlich nach oben).

          Könnte bitte jemand den Nachweis führen, ob und inwiefern die auf das BIP bezogene Größe des Bankensektors ein Krankheitsindikator des Finanzsystems ist. Gewiss, die zyprische Laikibank, die jetzt abgewickelt wird, hat allein im Jahr 2011 einen Verlust von fünf Milliarden Euro gemacht: Das sind zwölf Prozent ihrer Aktivposten und 162 Prozent ihres Eigenkapitals. Daraus folgt erst einmal aber nur, dass die Bank sich dramatisch verspekuliert hat (vor allem mit riskanten Griechenanleihen) und ihr Eigenkapital für den Krisenfall viel zu gering war. In Luxemburg, wo der Bankensektor absolut und in Relation zum BIP viel größer ist, hat es solche Verluste nicht gegeben. Kein Grund also, nach Zypern jetzt den Finanzplatz Luxemburg oder Malta zu schrumpfen.

          Womöglich werden die Banken große Risiken künftig meiden

          Alles hängt daran, nicht die falschen (wenngleich politisch opportunen) Folgerungen aus der „Zypernrettung“ zu ziehen. Modellcharakter hat sie vor allem darin, dass der Zusammenhang zwischen Risiko und Haftung wieder in Erinnerung kommt, wenn Eigentümer, Gläubiger und Einleger im Schadensfall belangt werden. Seit der „Rettung“ der angeblich systemrelevanten deutschen Winzbank IKB vor sechs Jahren ist das außer Mode gekommen. Vor allem das Fremdkapital der Banken war über lange Zeit zu billig, weil die Sparer und Gläubiger darauf hoffen durften, dass die Verluste nicht von ihnen, sondern vom europäischen oder vom nationalen Steuerzahler übernommen werden.

          Spricht sich Zypern herum (an den Märkten geht so etwas schnell), wird Fremdkapital teurer, was im Umkehrschluss den dringend nötigen Aufbau von mehr Eigenkapital attraktiver macht. Womöglich werden die Banken große Risiken künftig meiden, was in Folge auch das Verhältnis zwischen Bankvermögen und BIP verringert. Allenfalls als Folge des Haftungsprinzips aber kommt dieser Indikator in den Blick.

          Jedes Land aber soll im Wettbewerb machen, was es relativ am besten kann. Wenn Luxemburg gut ist im Banking, kann es sein Geschäftmodell ruhig behalten. Und wenn kleine Länder mit weniger Steuern auskommen als große (zum Beispiel weil sie kein großes Heer brauchen), darf ihnen das niemand verbieten (große Länder haben andere Vorteile). Sie dürfen dabei nur nicht auf die Pleiten-Solidarität der Staatengemeinschaft schielen. Ach ja, fast hätten wir es vergessen: Warum kriegt Zypern zehn Milliarden Euro Kredit, den es nie wird zurückzahlen können?

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Champions League im Liveticker : Lokomotive zieht nicht, Perisic spielt

          Bayern München startet gegen Roter Stern Belgrad in die Champions League. Bayer Leverkusen beginnt ebenfalls mit einem Heimspiel. Moskau lockt allerdings nicht genug Zuschauer ins Stadion. Lokomotive zieht selbst mit Weltmeister Höwedes allerdings nur wenige Zuschauer. Verfolgen Sie die Spiele im Liveticker.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.