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Kommentar zur Zypern-Rettung : Nicht alles ist „systemrelevant“

Die Laiki-Bank wird abgewickelt Bild: dpa

In Zypern zahlen die Bankgläubiger. Das ist keine Katastrophe. Die „Systemrelevanz“ hat ihren Schrecken verloren.

          Wer hätte gedacht, dass wir aus dem kleinen Zypern etwas für die großen Finanz- und Währungskrisen der Welt lernen können? Jetzt wissen wir es besser. Nach dem Rettungschaos der vergangenen Tage hat das alte Angstwort von der „Systemrelevanz“ seinen Schrecken verloren.

          Die „Systemrelevanz“ gehört ja zu den wichtigsten Wörtern der Finanz- und der Eurokrise. Warum sind die Banken gerettet worden? Weil sie „systemrelevant“ sind. Als die großen Banken anfingen zu kippen, als Griechenlands Schulden untragbar wurden - da mussten nicht etwa die Gläubiger dafür bezahlen, dass sie zu sorglos Geld verliehen hatten. Stattdessen wurde ihnen das Geld von den Steuerzahlern ersetzt. Weil alle Angst hatten vor der „Systemrelevanz“.

          Die Angst hat überhand genommen

          Das Argument hat einen wahren Kern: Banken leihen einander ständig Geld. Wenn eine pleitegeht, hat die nächste einen Verlust und ist plötzlich ebenfalls gefährdet. Im schlimmsten Fall kann das komplette Bankensystem zusammenbrechen. Ähnlich ist es mit großen Staaten. Ihnen haben Banken und Versicherer viel Geld geliehen, in der Annahme, dass kein Risiko dahintersteht. Wenn sie das Geld nicht zurückbekommen, haben die Banken einen großen Verlust. Sie werden gefährdet - und das Spiel geht von vorne los.

          Doch die Angst hat in den vergangenen Jahren überhand genommen. Nachdem die unerwartete Pleite von Lehman Brothers die Welt in eine Schockstarre versetzt hat, wurde die Systemrelevanz zum großen Schreckenswort, und die Rettungen wurden zum Alltag.

          Plötzlich wurden alle gerettet

          Plötzlich wurden alle gerettet - selbst Banken und Staaten, die gar nicht so verflochten waren. Beispiel „Hypo Real Estate“: Wäre die HRE Pleite gegangen, hätten andere Banken gar nicht so viel Verlust gemacht. Denn ihre Schulden waren zum großen Teil als „Pfandbriefe“ organisiert und deshalb gut besichert. Doch die Angst vor der Pleite war groß - und am Größten war die Angst der Politiker vor der Angst, die an den Märkten entstehen könnte. An den Finanzmärkten herrschten „Animal Spirits“, und wenn erst mal die Panik da sei, sei es zu spät - so hieß es. So wurden die Märkte allmächtig: weil die Politiker Angst vor ihrer Angst bekamen.

          Also wurde auch in der Eurokrise die Beteiligung von Griechenlands Privatgläubigern plötzlich zur einmaligen Ausnahme stilisiert, die sich nie wiederholen dürfe. Als Zypern zum Thema wurde, warnten wieder viele vor einer Beteiligung der Privatleute. Wenn das komme, würden auch die Menschen in Portugal und Spanien panisch reagieren, ihr Geld abheben und könnten die Banken zum Kippen bringen.

          Jetzt werden die privaten Gläubiger beteiligt

          Es ist anders gekommen. In Zypern zahlen die privaten Gläubiger. Das sind in Zypern vor allem die Leute mit Bankeinlagen (denn die Banken haben kaum Anleihen ausgegeben). Die Eigentümer der Banken, die Aktionäre, haben nach einem Aktienkurs-Verfall ihr Geld sowieso schon fast komplett verloren. Jetzt tragen die Gläubiger in Zypern immerhin einen Teil der Kosten, nach aktuellem Stand könnte es ungefähr ein Drittel werden. Von einer Marktpanik ist trotzdem nichts zu sehen. Die Banken in Portugal und Spanien leben noch. Dabei lief die Lösung der Zypern-Krise höchst chaotisch ab. Allen Unkenrufen zum Trotz ist jetzt bewiesen: Zypern ist nicht systemrelevant.

          Nun unterscheidet sich Zypern von manch anderem europäischen Staat. Zypern ist klein, die Beträge sind relativ gering. Die Gläubiger der Banken sind größtenteils Privatleute und nicht andere Banken, die ihrerseits kippen könnten.

          Doch die „Systemrelevanz“ verliert ihren Schrecken auch außerhalb Zyperns. Inzwischen sind sich in Deutschland viele Leute einig, dass die kleine IKB nicht unbedingt ein Fall für eine Staatsrettung war. Die damalige Chefin der amerikanischen Einlagensicherung findet auch, die Rettung von Bear Stearns sei übertrieben gewesen.

          Die Lehre ist: Nicht alles ist systemrelevant, man muss vor der Rettung halt genau hingucken. Diese Lehre hat noch eine Folge. Wenn nicht alles systemrelevant ist, dann wird eben manche Bank abgewickelt, und manchmal gehen Bankeinlagen verloren. Wer das weiß, guckt künftig genauer hin, welcher Bank er sein Geld gibt. Und das ist die wirksamste Waffe gegen übermäßige Spekulation.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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