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Zweite Corona-Welle : Die neue Angst vor dem „Double Dip“

Verunsicherte Verbraucher: Corona drückt auf die Kauflaune. Bild: dpa

Weniger Konsum, weniger Investitionen: Der Rekordanstieg der Corona-Infektionen verheißt für die Wirtschaft wenig Gutes. Doch es gibt auch Zeichen der Zuversicht.

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          Der Stillstand ist vergessen, in vielen Werkshallen herrscht wieder reger Betrieb – am Freitag veröffentlichte Konjunkturindikatoren deuten darauf hin, dass der Anstieg an Corona-Infektionen die deutsche Industrie bislang kalt lässt. Sie befindet sich sogar weiter kräftig im Aufwind, berichten die Ökonomen des Londoner Markit-Instituts auf Grundlage ihrer monatlichen Befragung von 1000 Einkaufsmanagern. Die Industrieproduktion wuchs demnach mit der höchsten Rate seit Februar 2011. 

          Julia Löhr
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.
          Niklas Záboji
          Wirtschaftskorrespondent in Paris

          Das Markit-Barometer für die Industrie stieg nach 62,4 Punkten im September auf nunmehr 64,9 Zähler. Vergessen ist mittlerweile das Corona-Tief von April, als sich der Index mit 34,5 Punkten weit entfernte von der 50-Punkte-Marke, die Wirtschaftswachstum erwarten lässt. Immer mehr Industrieunternehmen würden sich dem Wachstumsniveau von vor der Pandemie nähern, konstatiert Markit-Ökonom Phil Smith. Trotz der zweiten Corona-Infektionswelle halte sich die deutsche Wirtschaft somit „ziemlich wacker“. 

          Für die andere Teile der Wirtschaft ist das Bild jedoch ein anderes, allen voran für die Dienstleister. Ihre Stimmung hat sich angesichts der verschärften Corona-Lage eingetrübt. Das Markit-Barometer für die Geschäftstätigkeit im Dienstleistungssektor fiel von September auf Oktober von 50,6 auf 48,9 Punkte – und somit erstmals seit dem Frühjahr unter die Wachstumsschwelle von 50 Zählern. Im Euroraum ist die Lage noch etwas schlechter.

          Die Gespräche mit der SPD dazu laufen

          Und auch andere Indikatoren deuten darauf hin, dass die immer höhere Zahl der Neuinfektionen und die damit verbundenen Warnungen aus der Politik im Wirtschaftsgeschehen deutliche Spuren hinterlassen. Verbraucher scheinen verunsichert. Mit Einkäufen jenseits des täglichen Bedarfs halten sich diese offenbar vermehrt zurück.

          Der Konsumklima-Index des Nürnberger Marktforschungsinstituts GfK, der auf der monatlichen Befragung von 2000 Verbrauchern beruht, verharrte im Oktober rund 2 Punkte im Minus. Das ist zwar wesentlich besser als die minus 23 Punkte aus dem Frühjahr, aber auch weit entfernt vom Vorkrisenniveau von plus 10 Punkten. Die Erholung vom Sommer sei zum Stillstand gekommen, teilten die Marktforscher am Donnerstag mit, es werde wieder mehr gespart. Die Einkommenserwartung ist deutlich zurückgegangen.

          Für die Unternehmen verheißt das nichts Gutes. Schon am Donnerstag hatte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) vorsorglich weitere Hilfen angekündigt. Die Überbrückungshilfen für Selbständige und mittelständische Unternehmen sollen nach seinem Willen bis Mitte 2021 verlängert werden, sagte er nach einer Videokonferenz mit 35 Wirtschaftsverbänden. Derzeit läuft das Zuschussprogramm, das Unternehmen einen Teil ihrer Fixkosten ersetzt, bis Ende Dezember.

          Dass es im Januar weitergehen soll, war schon bekannt – nur nicht, ob drei oder sechs Monate. Er wolle „Planungssicherheit“, so Altmaier. Am Freitag bekräftigte er seine Pläne am Rande eines Tourismusforums noch einmal. „Wir sind entschlossen, unsere Hilfsanstrengungen im Rahmen dessen, was die EU-Kommission uns ermöglicht, auszubauen und zu erhöhen", versprach Altmaier. Für kommenden Mittwoch haben mehrere Verbände aus besonders betroffenen Wirtschaftsbranchen eine Demonstration in Berlin angekündigt.

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