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Zukunft der Währungsunion : Ökonomen kriegen Krach über die Krise

Streitbar: Hans-Werner Sinn holt am Ende seinen Laptop raus Bild: REUTERS

Wie geht es weiter mit der Gemeinschaftswährung? Hans-Werner Sinn, Wolfgang Franz & Co. sind sich nicht einig und debattieren heftig - bis jeder seinen Laptop auspackt.

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          Ein solches Geständnis des wohl bekanntesten Ökonomen Deutschlands hat man noch nicht gehört. „Ich war ein Dummkopf“, sagt Hans-Werner Sinn und fügt hinzu: „als junger Mann“. Dabei war Sinn in den neunziger Jahren schon Mitte vierzig. Damals hat er die Euroeinführung vehement unterstützt. Jetzt bereut er seine damalige Position. „Es war ein Riesenfehler, den Euro einzuführen“, klagt Sinn. Ökonomisch, aber auch politisch sei es schiefgegangen. „Was ist denn aus dem angeblichen Friedensprojekt geworden? In Wahrheit habe ich noch nie so viel Hass in Europa erlebt wie jetzt“, sagt der Präsident des Ifo-Instituts. Wer trotzdem sage, dass der Euro eine gute Idee war, der sei wohl, wie der englische Finanzjournalist Martin Wolf schrieb, ein „Masochist“.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Auf dem hochkarätig besetzten Ökonomen-Podium in Magdeburg, wo Sinn seine Selbstkritik vorträgt, ziehen einige die Augenbrauen hoch. Aber Sinn macht dann eine Kehrtwende. Mit dem Euro sei es wie mit einer zerrütteten Ehe - die Scheidungskosten seien zu hoch. „Deshalb müssen wir den Euro verteidigen.“ Eine echte Lösung habe er nicht. Den Weg der Politik mit den immer größeren Rettungskrediten hält er aber für völlig falsch. „Wir stolpern in einen neuen Sozialismus in Europa“ - weil die Schulden sozialisiert würden und die Europäische Zentralbank zu „politisch korrekten“ Zinsen weiter billige Kredite in den Süden lenke, die nie wieder einbringbar seien.

          Auch in Maastricht ist viel versprochen worden

          Ein weiteres „Enfant terrible“ der deutschen Ökonomen, das seit neuestem die Politik verunsichert, ist Bernd Lucke. Der Hamburger Ökonom und Parteigründer („Alternative für Deutschland“) trägt in Magdeburg - mit akademisch gesetzten Worten - seine Kritik an den Rettungsmaßnahmen vor. Wenn die Eurostaaten ein allgemeines unbedingtes Rettungsnetz spannten, dann sei die Konditionalität für Hilfen nicht glaubwürdig. Auch in Maastricht sei viel versprochen worden. Er glaube nicht, dass die Staaten sich an die neuen Regeln des Fiskalpaktes halten. Vielmehr glaube er an ein Auseinanderbrechen des Euro. „Ich will verhindern, dass die Eurozone mit einem großen Knall zusammenbricht, daher müssen wir uns jetzt Alternativen für eine geordnete Auflösung ausdenken“, sagt Lucke.

          Die anderen Ökonomen auf dem Podium halten davon nichts. Sie warnen vor einem Auseinanderbrechen der Währungsunion. „Ich möchte keine Trümmerfrau nach einem Zusammenbruch des Euro sein“, sagt der Freiburger Finanzwissenschaftler Lars Feld, der Mitglied des Sachverständigenrats ist. Eine Abwicklung der Währungsunion sei sehr teuer - gerade für Deutschland. Denn deutsche Unternehmen, der Staat und die Bundesbank hätten Forderungen in Billionen-Höhe. Bei einem Zusammenbruch müsse ein Teil davon abgeschrieben werden. Großkonzerne könnten das vielleicht überleben, aber im Mittelstand würde das vielen das Rückgrat brechen.

          Den Ruf nach pauschal „mehr Europa“ teilt Feld aber auch nicht. In der Finanzpolitik müsse vielmehr das Prinzip der Eigenverantwortung gestärkt werden. Dringend nötig sei indes die Bankenunion. „Das war der blinde Fleck von Maastricht“, sagt Feld. Auch Claudia Buch, die einzige weibliche „Wirtschaftsweise“, wirbt für die Bankenunion. Das Eurogebiet sei nicht falsch dimensioniert. Auch innerhalb anderer Währungsgebiete gebe es große volkswirtschaftliche Unterschiede, etwa zwischen den amerikanischen Bundesstaaten. Was im Euroraum fehle, sei ein Abwicklungsmechanismus für insolvente Banken.

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