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Wirtschaftsweiser Peter Bofinger : „Große Staaten haben breite Schultern“

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Der Effekt wird nicht lange anhalten, und die Autokäufe werden später umso mehr einbrechen.

Das ist typisch deutsch: Da hat man etwas, das funktioniert, sofort ist das besonders verdächtig. Die Menschen kaufen Autos, so war das gewollt. Natürlich verschulden sie sich dafür, natürlich besteht das Problem, dass danach ein Loch kommt. Doch das ist bei allen Konjunkturprogrammen so. Es geht darum, einen Abwärtsprozess zu stoppen, bis die Selbststabilisierungskräfte des Marktes wieder greifen.

Ein verdammt teurer Versuch: Fünf Milliarden Euro! Das bedeutet Schulden.

Auch das ist bei allen Konjunkturprogrammen so. Reichskanzler Brüning hat während der Großen Depression auf Schulden verzichtet, das Ergebnis war eine einzige Katastrophe. Wir brauchen bei der Staatsverschuldung nicht die Sicht der schwäbischen Hausfrau, sondern die Sicht der schwäbischen Unternehmerin. Es kommt immer auf die Rendite an. Sie kriegen als Staat jetzt Kredite für nur drei Prozent Zinsen. Wenn man das Geld im Bildungsbereich einsetzt, kann man Renditen von zehn Prozent erzielen.

Aber wie lange schultert der Staat das? Wann ist er bankrott?

Die meisten Leute haben da unglaubliche Ängste. Zu Unrecht. Selbst wenn wir in den Jahren 2009 und 2010 rund 500 Milliarden Euro Schulden machen würden – und das halte ich nicht für realistisch – würde unser Schuldenstand von 65 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf 85 Prozent steigen. Das ist ein Wert, der international noch nicht im roten Bereich liegt. Große Staaten haben breite Schultern.

Trotzdem: Der Finanzminister wird 2009 mehr als 50 Milliarden Euro neue Schulden aufnehmen, die höchste Neuverschuldung aller Zeiten. Reicht es nicht langsam?

Das hängt davon ab, wie es weitergeht. Ich verwende gerne das Bild eines Gartens im Februar. An ein paar Ecken ist der Schnee jetzt weggetaut, dort gucken die Schneeglöckchen heraus: Das Geschäftsklima verbessert sich, der Rückgang der Auftragseingänge ist zum Stillstand gekommen. Das sind Indizien, dass die erwartete Bodenbildung kommt. Wenn sich das verstärkt, ist ein drittes Konjunkturprogramm nicht nötig.

Aber Stagnation für das Jahr 2009 wird wohl nicht mehr zu erreichen sein.

Stagnation?

Das haben Sie mit dem Sachverständigenrat im November vorhergesagt. Mittlerweile sprechen Ihre Kollegen eher von sechs Prozent Minus.

Das war eine Fehlprognose, mit der wir nicht ganz alleine dastanden. Wir haben unser Gutachten Ende Oktober 2008 fertiggestellt. Da war dieser extreme weltweite Verfall noch nicht erkennbar.

Fehlt den Ökonomen für diese Krise das theoretische Modell?

Wir haben sehr ausdifferenzierte makroökonomische Modelle, sie haben nur einen Nachteil: Es gibt keinen Finanzsektor. Das finde ich bemerkenswert, insbesondere in der Europäischen Zentralbank: Auch deren sehr kompliziertes Modell kennt keinen Finanzsektor. Man nimmt an: Jeder Mensch hat alle Informationen, die er braucht, es gibt keine Unsicherheit. Dann ist Geld irrelevant, und den Finanzsektor kann man wegignorieren, weil er perfekt rational arbeitet.

Das tut er aber in Wirklichkeit nicht.

Nein, natürlich nicht. Das haben wir gesehen.

Das klingt, als hätten die Ökonomen die Realität aus dem Auge verloren. Wie viel haben Sie noch mit der Wirklichkeit zu tun?

Noch einiges. Ich rufe auch mal bei einem großen Autozulieferer an und frage: Wie sieht es aus bei euch? Dann bekommt man schneller mit, was sich tut. Das Problem ist ja, dass wir bei den Prognosen immer im Rückspiegel fahren.

Sie machen Vorhersagen mit alten Daten.

Ja, es ist Mai, und wir haben als aktuellste Zahl den Auftragseingang von März. Die amtliche Statistik ist zu langsam. Ich habe 1978 angefangen, mich mit Prognosen zu befassen. Und der Zeitraum zwischen Datenerhebung und -verfügbarkeit ist seither gleich geblieben.

Soll man da die Prognosen nicht lieber sein lassen?

Nein, das finde ich nicht. Die Menschen wollen wissen, wie es weitergeht. Ich könnte mir aber vorstellen, dass wir zurückhaltender werden. Wenn wir auf die Kommastelle genau 2,1 Prozent Wachstum prognostizieren – das gaukelt eine Präzision vor, die wir nicht leisten können. Es reicht, auf einen halben Prozentpunkt genau zu sein.

Darf man Sie noch fragen, wie es weitergeht?

Ich gebe keine genaue Prognose mehr ab, das habe ich mir abgewöhnt. Aber ich gehe davon aus, dass die Wirtschaft sich nun L-förmig entwickelt. Nach einem rasanten Absturz, finden wir bald den Boden - und da unten bleiben wir erst mal.

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