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Wirtschaftsweiser Peter Bofinger : „Große Staaten haben breite Schultern“

  • Aktualisiert am

Wirtschaftsweiser: Peter Bofinger Bild: Daniel Pilar

Peter Bofinger weiß einiges über den Zusammenhang zwischen Psychologie und Ökonomie. Im Gespräch mit der F.A.S. erläutert der Wirtschaftsweise, warum die Abwrackprämie so gut ankommt, warum Prognosen so oft danebenliegen und was die Wirtschaftskrise mit einem Garten im Februar zu tun hat.

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          Peter Bofinger war der bekannteste Außenseiter unter den deutschen Ökonomen. In der Krise sind viele seiner Ideen Allgemeingut geworden. Im Jahr 2004 wurde er auf Vorschlag der Gewerkschaften Mitglied im „Rat der fünf Weisen“. Dort machte der Keynesianer zunächst durch abweichende Meinungen von sich reden. In seinem 2005 erschienenen Buch „Wir sind besser, als wir glauben“ schrieb der Professor der Universität Würzburg ebenfalls gegen die Mehrzahl seiner Kollegen an, die für Lohnzurückhaltung plädierten. Er hielt das Gegenteil für richtig. Sein neues Buch „Ist der Markt noch zu retten?“ (Econ, 19,90 Euro) beschäftigt er sich mit der neuen starken Rolle des Staates in der Krise.

          Herr Bofinger, seit Jahren fordern Sie, dass wir Deutschen mehr konsumieren sollen. Jetzt kaufen wir wie wild Autos dank der Abwrackprämie. Sind Sie zufrieden?

          Na ja, meine Idee war nicht so sehr, dass der Staat die Menschen zum konsumieren bringt. Meine Vorstellung war: Jedes Jahr ein Prozentpunkt mehr Lohnerhöhung. Dann wäre der Konsum gestiegen, anstatt zu stagnieren. Seit 2000 haben die Deutschen ihre Verbrauchsnachfrage nicht mehr erhöht. Das habe ich immer als Problem empfunden.

          Mehr Lohn für alle, das klingt gut, aber wer soll das bezahlen?

          Wir haben in den vergangenen Jahren einen preisbereinigten Anstieg der Exporte gegenüber dem Jahr 2000 um mehr als 70 Prozent gehabt. Wenn wir stattdessen die Löhne etwas mehr erhöht hätten und nur 50 Prozent mehr Exporte gehabt hätten, wäre das doch prima gewesen.

          Weniger Exporte? Die Deutschen sind doch so stolz darauf, Exportweltmeister zu sein.

          Natürlich brauchen wir eine starke Exportwirtschaft. Aber unser Geschäftsmodell war unbalanciert. Wir haben wahnsinnig viel exportiert, aber zu wenig konsumiert und investiert. Dabei haben wir riesige Geldersparnisse erzielt, die wir zwangsläufig im Ausland anlegen mussten.

          Was ist daran schlimm? Die Deutschen sparen eben gerne.

          Wir wären jetzt in der Krise weniger anfällig, wenn wir nicht so stark vom Export abhängig wären. Und mit einer geringeren Ersparnis in Deutschland, China und Japan hätten sich die Amerikaner auch nicht so stark verschulden können.

          Sind wir jetzt auch noch schuld an der Finanzkrise?

          Das hängt alles zusammen. Unser Dagobert-Duck-Modell hat ja nur funktioniert, weil andere Länder – Amerika, Großbritannien, Spanien – das Geld mit vollen Händen ausgegeben haben. Das sind die viel zitierten internationalen Ungleichgewichte: Die Weltwirtschaft hat sich aufgeteilt in Länder wie Deutschland, die sehr viel gespart haben, und Länder wie Amerika, die auf Kosten des Auslandes gelebt haben. Faktisch hat der Sparer aus Esslingen dem Jim in Nevada sein Häuschen finanziert.

          Okay, wir haben dem Ausland Geld geliehen. Aber was soll daran schlimm sein?

          Es war schlimm, weil es im Ausland vor allem die privaten Haushalte waren, die sich verschuldet haben. Klassisch im Lehrbuch heißt es: die Haushalte sparen, die Unternehmen investieren. Dann bringt das Geld ordentliche Erträge, weil die Unternehmen produktiver und wettbewerbsfähiger werden. Problematisch wird es, wenn das Geld an private Haushalte fließt, die sich ihre Immobilie gar nicht leisten können.

          Und jetzt? Sollen wir nun unser Geld nach allen Regeln der Kunst verprassen?

          Nicht unbedingt. Es wäre auch ein Ansatz, mehr Geld im eigenen Land anzulegen, zum Beispiel mehr Immobilien zu kaufen. Im Vergleich zu anderen Ländern besitzen nur sehr wenige Deutsche ein Haus. Der Staat könnte das ändern. Er könnte etwa die Grunderwerbsteuer über zehn Jahre hinweg strecken. Auch die Eigenheimzulage sollte wieder eingeführt werden. Wir haben einfach zu viel Geldvermögen in Deutschland.

          Wieso?

          Das Geldsparen wird vom Staat stärker als andere Anlageformen gefördert – zuletzt mit der Abgeltungsteuer. Einkommen aus Geldvermögen werden nun günstiger besteuert als Dividenden oder Mieten. Das passt überhaupt nicht in die Zeit. Da bunkern die Deutschen ihr Geld doch erst recht auf der Bank, statt es für Investitionen oder Konsum auszugeben. Die Abgeltungsteuer abschaffen, das wäre ein Konjunkturprogramm.

          Stattdessen haben wir die Abwrackprämie. Die müsste Ihnen doch auch gefallen.

          Ich hätte nie gedacht, dass die Abwrackprämie ein Erfolg wird. Doch es ist offensichtlich so, dass die Deutschen, wenn sie das Wort Steuerersparnis hören, 90 Prozent ihres Gehirns abschalten und kaufen. Wichtig ist aber: Wir haben ein Problem, nämlich dass es der Automobilindustrie schlechtgeht. Und jetzt haben wir eine Maßnahme, die wirkt. Was will man mehr?

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