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Wirtschaftskonjunktur : Wo ist das Wachstum?

Die Industrieländer verzeichnen so gut wie keinen Produktivitätsfortschritt mehr. Das liegt auch daran, dass internationale Handelsabkommen behindert werden.

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          Alles ist einfacher mit Wirtschaftswachstum“, pflegt Christine Lagarde, die Generaldirektorin des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu sagen. Doch an diesem Wochenende stimmen ihre Ökonomen die Welt darauf ein, dass die lange Phase sklerotischen Wachstums noch andauern wird. Deutschland wächst im Gleichschritt mit Europa kümmerliche 1,5 Prozent, Amerika etwas mehr als zwei Prozent. Vor der Finanzkrise war das Wachstumstempo in beiden Regionen ungefähr doppelt so hoch.

          Diese Entwicklung wird unterstrichen durch das Phänomen, dass die Industrieländer einschließlich Deutschland so gut wie keinen Produktivitätsfortschritt mehr verzeichnen. Es werden deutlich weniger Unternehmen gegründet, die Investitionen in das Neue unterbleiben. Das Silicon Valley allein kann nicht helfen, steht es doch gerade einmal für drei Prozent der amerikanischen Wirtschaftsleistung.

          Intensiverer internationaler Handel

          Der Mangel ist bedrohlich. Denn langfristig ist ausgerechnet der Produktivitätsfortschritt – neben der Bevölkerungsentwicklung – die maßgebliche Größe für Wirtschaftswachstum. Er entsteht, wenn das Bessere das Gute ersetzt: bessere Produkte, kreativere Ideen, effektivere Produktionsverfahren, bequemere Dienstleistungen, schlankere Unternehmensorganisationen. In der wirtschaftlichen Praxis zerstört Uber die lokalen Taximonopole, Amazon macht dem an Ladenlokale gebundenen Einzelhandel das Überleben schwer, und die chinesische Kunststofffabrik verurteilt die Konkurrenz aus dem Sauerland oder aus Ohio zum Scheitern. Niemand liebt diesen Verdrängungsprozess, aber alle brauchen sein Ergebnis: mehr Wohlstand. Wirtschaftswachstum ist die Voraussetzung dafür, dass die Industrieländer die Renten und Gesundheitskosten der Rentner tragen, die innere Sicherheit angesichts steigender Terrorismusgefahren gewährleisten, den Flüchtlingsstrom managen und die Klimaerwärmung bremsen können, um nur ein paar drängende Themen aufzutischen.

          Die Politik hat einiges versucht, um nach der Finanzkrise der großen Depression zu entrinnen – mit gemischten Ergebnissen. Die zeitweise stark erhöhten Staatsausgaben haben dazu geführt, dass viele Länder besorgniserregende Schuldenberge angehäuft haben. Die lockere Geldpolitik hat es bislang nicht vermocht, die Inflation nach oben zu bringen, und kommt nun an ihre Grenzen. Es bleibt als Hoffnungsträger die Strukturpolitik, die zum Ziel hat, die Wettbewerbsintensität auf Güter- und Arbeitsmärkten zu erhöhen und Innovationen zu stimulieren. Zu einer solchen Politik gehört es auch, die Voraussetzungen für einen intensiveren internationalen Handel zu schaffen.

          Sich ins eigene Knie schießen

          Ökonomen folgen unterschiedlichen Denkschulen und bekämpfen sich in Kolumnen gelegentlich mit bemerkenswerter Giftigkeit. Doch in zwei Dingen sind sie sich bemerkenswert einig. Erstens: Wirtschaftswachstum ist gut. Zweitens: Handel ist gut. Nicht, dass das nicht gehört würde. Man kann den Regierungspolitikern in den meisten Industrieländern nicht vorwerfen, dass sie es nicht versuchen würden, die großen Freihandelsabkommen Wirklichkeit werden zu lassen. Doch sie stoßen auf zunehmenden Widerstand ihrer Bürger. In Amerika verabschieden sich zwei Populisten, der rechte Donald Trump und der linke Bernie Sanders, unter heftiger Zustimmung aus der Bevölkerung mental von der Globalisierung und dem internationalen Handel. Auch in Deutschland, der großen Exportnation, machen Bürger gegen den Freihandel mobil, den sie als Instrument zur Durchsetzung amerikanischer Konzerninteressen begreifen.

          Warum der Widerstand gegen eine wohlstandsfördernde Wirtschaftspolitik so heftig hervorbricht, ist nicht klar. In Amerika wird als Erklärung angeführt, dass die Arbeiter 35 lausige Jahre hinter sich haben, wie es der Arbeitsmarkt-Ökonom David Autor formuliert. In diesen Jahren stagnierten ihre Einkommen, Arbeitsplätze wurden unsicher. Die Arbeiter sehen ihr Wirtschaftssystem zunehmend als unfair an, das die Reichen überproportional begünstigt. In Deutschland wird diese Meinung geteilt, obwohl die Reallöhne der Arbeitnehmer hier zuletzt ordentlich zugelegt haben.

          In Kundgebungen, bei Wahlen und in Blogeinträgen wird eine Lust der Basis spürbar, den Regierungen einen Denkzettel zu geben für eine Politik der Marktöffnung, die aus globaler Perspektive dazu beigetragen hat, Hunderte Millionen Menschen aus der Armut zu führen, viele Leute aber verunsichert, selbst wenn sich ihre materielle Lage nicht verschlechtert hat. So sabotieren die Niederländer in einer Volksabstimmung ein Handelsabkommen mit der Ukraine, die Briten liebäugeln mit dem Abschied aus der Europäischen Union. Die Bevölkerungen der Industrieländer geben der Globalisierung die Schuld daran, dass es ihnen nicht wie gewünscht geht. Deshalb stellen sie sich jetzt stur. Die aktuelle Herausforderung für die Politik ist es, die Leute daran zu hindern, sich ins eigene Knie zu schießen.

          Winand von Petersdorff-Campen
          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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