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Wirtschaftsleistung : Kein Wachstum ist auch keine Lösung

Wohlstand ohne Wirtschaftswachstum: Eine Theorie, die sich in der Praxis nur schwer umsetzen lässt Bild: dapd

Wachstumskritiker stellen wichtige Fragen. Doch ihre Antworten führen in die Irre. Die Spätfolgen der Finanzkrise zeigen, dass eine schrumpfende Wirtschaft auch keine Lösung ist.

          Mit Deutschland geht es weiter bergauf. Schon heute arbeiten mehr Menschen denn je in diesem Land, die Stimmung in der Wirtschaft ist blendend, die Kauflaune der Bürger so gut wie seit Jahren nicht mehr. 2014 – da sind sich die Forscher einig – wird die Wirtschaftsleistung um fast 2 Prozent wachsen und für einen spürbaren Aufschwung sorgen.

          Für Wachstumskritiker sind das schlechte Nachrichten. Den Versuch, die Wirtschaftskraft immer weiter auszudehnen, halten sie für grundlegend falsch. Und das in doppelter Hinsicht: moralisch, weil der Drang nach immer mehr Materiellem den Wert anderer Dinge zerstöre. Die Verfehlungen der Boni-Banker dienen als abschreckendes Beispiel. Und physikalisch, weil die Wirtschaft in einer Welt mit begrenzten Ressourcen schon per Definition nicht grenzenlos weiterwachsen kann. Umweltzerstörung und Klimawandel zeigen, wohin das führt.

          Wohlstandsformel für die Gesellschaft

          Die Finanzkrise war Wasser auf die Mühlen der Wachstumskritiker. Politiker, Wissenschaftler und Bürger fragten sich plötzlich, ob es so weitergehen kann wie bisher. Diejenigen, die es mit dem Wachstumsstreben besonders wild getrieben hatten, saßen plötzlich in der Klemme. Wohlstand, so leiteten viele ab, müsse endlich auch ohne Wachstum möglich sein. In Frankreich beauftragte der damalige Präsident Nicolas Sarkozy eine Gruppe um Nobelpreisträger Joseph Stiglitz damit, einen alternativen Wohlstandsindikator zum Bruttoinlandsprodukt zu kreieren, der mehr berücksichtigt als die Summe der materiellen Dinge. In Deutschland zog die Enquetekommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ nach und legte im vergangenen Jahr einen mehr als 800 Seiten starken Abschlussbericht vor. Beide Gremien entwickelten Formeln, mit denen sich berechnen lassen soll, ob es einer Gesellschaft gutgeht: Wie gesund sind die Menschen? Wie gleichmäßig sind ihre Einkommen verteilt? Haben sie genug Freizeit? Und leben sie in einer intakten Umwelt?

          Die Kritiker des Wachstumimsperativs stellen viele relevante Fragen. Wer beobachtet, wie Menschen in Peking und Schanghai unter Smogglocken kaum noch Luft bekommen, dem kann Chinas Wachstumshunger Angst einjagen. Wer feststellen muss, dass die Banken auch mehr als fünf Jahre nach Ausbruch der Krise noch immer im Wochentakt für Negativschlagzeilen sorgen, der kann sich schon fragen, was die Institute dazugelernt haben und ob der „Kulturwandel“ mehr ist als ein leeres Versprechen.

          Kritische Lage durch schrumpfende Wirtschaftsleistung

          Doch so richtig die Fragen, so unzureichend sind die Antworten der Wachstumskritiker. Denn – und das besitzt eine gewisse Ironie – gerade die Spätfolgen der Finanzkrise führen vor Augen, dass kein Wachstum auch keine Lösung ist. Im Gegenteil, die von der Krise besonders hart getroffenen Länder bekommen schmerzhaft zu spüren, was es bedeutet, wenn die Wirtschaftsleistung schrumpft. In Griechenland, Spanien oder Portugal sind junge Menschen keine Hoffnungsträger, sondern arbeitslose Angehörige einer verlorenen Generation. Wenige Jahre ohne Zuwachs lassen die staatliche Schuldenlast in die Höhe springen, Rentenkassen und Sozialversicherungen geraten aus dem Gleichgewicht. Es gibt Studien, die zeigen, wie sehr die deprimierende Lage Selbstmordraten und Krankheitsfälle in die Höhe treibt. Wachstum ist nicht nur Innovationstreiber, die Wirtschaftskraft ist auch eng korreliert mit dem, was Menschen unter Wohlstand verstehen. In der Not wird die Debatte um das Wesen des Wohlstands Luxus. Wachstum mag nicht alles sein – aber ohne Wachstum ist in Südeuropa alles nichts.

          Eingefleischte Wachstumskritiker mögen einwenden, der Wachstumsverzicht sei durch einen Schock erzwungen und nicht mit wohlstandsfördernden Begleitmaßnahmen herbeigeführt worden. Doch dieses Argument zieht nicht. Denn den Verfechtern einer Wirtschaft mit keinem oder negativem Wachstum haben bislang keinen umfassenden Ansatz zustande gebracht, der einleuchtend erklärt, wie eine freiheitliche Wirtschaft auf Sparflamme laufen kann, ohne in eine Negativspirale zu verfallen. Zwar gibt es genügend Entwürfe dafür, wie auf privater oder kommunaler Ebene ein „nachhaltiges Leben“ mit weniger Ressourcenverbrauch gelingen kann. Niemand hat jedoch bislang schlüssig erklärt, wie eine Postwachstumsökonomie im großen Maßstab funktioniert und was sie der zerstörerischen Kraft der Rezessionen entgegenhält.

          Mehr denn je folgt daraus die Aufgabe, Wirtschaftswachstum auf der ganzen Welt im Einklang mit Klimaschutz und den Bedürfnissen der Menschen zu stärken. „Wir wollen unser Regierungshandeln stärker an den Werten und Zielen der Bürgerinnen und Bürger ausrichten und führen daher einen Dialog mit ihnen über ihr Verständnis von Lebensqualität durch“, kündigt die neue Regierung im Koalitionsvertrag an. Eine neue Kommission für „ein gutes Leben“ hat die Regierung auf den Weg gebracht. Mehr als blumige Worte helfen konkrete Maßnahmen. Die Regierung kann mit der Energiewende anfangen. Denn so, wie die Umstellung auf erneuerbare Energien in Deutschland läuft, profitiert momentan weder die Umwelt noch das Bruttoinlandsprodukt.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

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