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Wirtschaftshistoriker über Griechenland : „Wie Reichskanzler Brüning in der Weimarer Republik“

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Krisensitzung abermals verschoben: der griechische Ministerpräsident Lukas Papademos am Montag in Athen Bild: dapd

Griechenlands Ministerpräsident Papademos ist in einer ähnlichen Lage wie Reichskanzler Brüning in der Weimarer Republik, sagt Albrecht Ritschl, Wirtschaftshistoriker an der London School of Economics. Haushaltsdisziplin war auch damals unpopulär - und rief Extremisten auf den Plan.

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          Herr Professor Ritschl, im Moment wird darüber diskutiert, ob man Griechenland einer stärkeren Kontrolle von außen unterwirft, damit das Land seine Sparziele erreicht. Gibt es damit Erfahrungen in der Geschichte?

          Im späten 19. Jahrhundert kam es durchaus vor, dass die Gläubiger „Sparkommissare“ in die Schuldenstaaten entsandt haben, um die Rückzahlung ihrer Forderungen zu überwachen. Griechenland selbst ist dafür ein gutes Beispiel. In der Geschichte gab es vier bis fünf Schuldenausfälle, das Land ist sozusagen ein Serientäter. Als Griechenland 1893 bankrottging, wurden ausländische Finanzkontrolleure in die entsprechenden Stellen im Finanzministerium und der Zentralbank entsandt, um die Einhaltung der Sparpolitik zu überwachen.

          Wie verlief der Staatsbankrott von 1893?

          Griechenland bekam 1897 gegen Kontrollauflagen noch einmal einen neuen Kredit. 1932 gab es einen erneuten Schuldenausfall. Bis dahin haben die Griechen ihre Schulden allerdings bedient.

          War die externe Finanzkontrolle denn in der Regel erfolgreich?

          Sie funktioniert nur zum Teil, denn man beschneidet die Souveränitätsrechte des Landes. Demokratisch gewählte Regierungen sitzen immer in der Zwickmühle. Die ausländischen Gläubiger verlangen eine Deflationspolitik, die aber im Land nicht populär ist. Man kann die Lage von Lukas Papademos durchaus mit der von Reichskanzler Heinrich Brüning am Ende der Weimarer Republik vergleichen.

          Inwiefern?

          Der Young-Plan, der die Rückzahlung der Reparationen aus dem Ersten Weltkrieg regelte, verlangte eine strikte Haushaltsdisziplin, die in der Bevölkerung nicht populär war. Das hat die Extremisten auf den Plan gerufen, die den Young-Plan zerreißen und sich vom Ausland abwenden wollten. Das Ende der Geschichte kennen wir.

          Lässt sich das Verhalten Deutschlands in der Zwischenkriegszeit mit dem Griechenlands in den letzten Jahren vergleichen: ein vollkommen überschuldeter Staat, der immer weiter fröhlich auf Pump lebt?

          Der Vergleich liegt nahe und gibt Anlass zur Sorge. Griechenland ist ein Land mit schwachen Institutionen und einer schwierigen Geschichte, man denke nur an den Bürgerkrieg nach dem Zweiten Weltkrieg und später die Militärdiktatur. Man muss Griechenlands Schuldenkrise auch als Staatskrise begreifen, und es ist nicht abzusehen, wie das Land allein da wieder herauskommt.

          Die Griechen weisen gerne darauf hin, dass die Deutschen bei ihnen noch Schulden aus dem Zweiten Weltkrieg offen haben. Stimmt das?

          Diese Frage ist umstritten. 1953 wurde im Londoner Schuldenabkommen vereinbart, dass die deutschen Kriegsschulden und Reparationen des Zweiten Weltkriegs im Zuge der Wiedervereinigung abschließend geregelt werden sollten. Da das 1990 nicht geschehen ist, wird im Allgemeinen gefolgert, dass die Schulden erloschen sind. Es gibt aber auch andere Stimmen.

          Was sind das für Schulden?

          Während des Weltkrieges haben die Deutschen in großem Umfang Güter, Nahrungsmittel und Arbeitskräfte aus den besetzten Gebieten requiriert, teils für die deutschen Besatzungstruppen, vor allem aber für die deutsche Kriegswirtschaft. Bei der Reichsbank gab es eine Verrechnungskasse, die für einen Teil dieser Entnahmen Schulden verbucht hat.

          Albrecht Ritschl: „Der Vergleich liegt nahe und gibt Anlass zur Sorge“
          Albrecht Ritschl: „Der Vergleich liegt nahe und gibt Anlass zur Sorge“ : Bild: LSE

          Welche Länder hatten gegenüber Deutschland die höchsten Forderungen?

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