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Folge der Corona-Krise : Minus 14 Prozent – Konjunktursturz in Frankreich

Shopping mit Maske macht auch in Biarritz keinen Spaß Bild: AFP

Weniger Investitionen, weniger Konsum, weniger Exporte: Die französische Wirtschaftsleistung sinkt stärker als die deutsche. Kritiker beklagen, dass die Hilfsprogramme der Regierung zu spät kommen.

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          Die französische Wirtschaftsleistung ist im zweiten Quartal um 13,8 Prozent geschrumpft. Damit dürfte die zweitgrößte Volkswirtschaft der Europäischen Union durch die Coronavirus-Krise einen schwereren Einbruch erlebt haben als die meisten anderen EU-Staaten.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Gleichzeitig fällt er indes weniger hart aus, als Fachleute zuvor erwartet hatten: Ende Mai hatte das nationale Statistikamt Insee noch einen Rückgang von 20 Prozent und im Juni eine Schrumpfung um 17 vorausgesagt. Auch die weniger weit zurückliegenden Schätzungen lagen höher. Laut einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters hatten Ökonomen in den vergangenen Tagen im Schnitt eine Verringerung des Bruttoinlandsprodukts von 15,3 Prozent vorhergesagt.

          Dennoch markiert der Einbruch einen historischen Einschnitt. Seit Insee seine Erhebungen vornimmt, hat die Statistikbehörde kein derart großes Minus verzeichnet. Während der Studentenunruhen im Jahr 1968 war es in einem Quartal zu einem Rückgang von 5,3 Prozent gekommen.

          Schwache Exporte

          Im Einzelnen sind im zweiten Quartal 2020 die Exporte um 25,5 Prozent gesunken, der wichtige Konsum der Haushalte verzeichnete Einbußen von 11 Prozent und die Investitionen der Unternehmen verringerten sich um 17,8 Prozent. Frankreichs Wirtschaft litt unter einer besonders strengen und langen Ausgangssperre infolge der Corona-Pandemie.

          Außerdem haben Wirtschaftszweige wie der Tourismus und die Gastronomie in Frankreich viel Gewicht. Der Tiefpunkt wurde im April erreicht, seither geht es schrittweise aufwärts, berichtet Insee. Das Statistikamt erwartet vor allem für das dritte Quartal eine kräftige Erholung: Das BIP soll nach seinen Schätzungen um 19 Prozent zulegen.

          Andere Beobachter sind etwas vorsichtiger: Die Banque de France rechnet mit einem Plus von 14 Prozent, die Investmentbank Natixis mit 16 Prozent. Die Beratungsgesellschaft BCG erwartet sogar, dass Frankreich „den stärksten Aufschwung nach der Krise in Europa“ verzeichnen werde.

          „Keine Lust zu investieren“

          Allerdings hat der Optimismus der privaten Haushalte, der sich laut der monatlichen Umfragen im Juni gezeigt hatte, im Juli wieder etwas nachgelassen. Der Anfang des Sommerschlussverkaufs gestaltete sich recht verhalten, berichtete ein Einzelhandelsverband. Auch wächst die Sparbereitschaft der Franzosen nach Angaben von Insee derzeit.

          Die Unternehmen sind neben der fortgesetzten Unsicherheit über das wirtschaftliche Umfeld und den Verlauf der Pandemie mit erheblicher Verschuldung konfrontiert. „Sie haben keinerlei Lust zu investieren“, stellt Philippe Waechter, Chefökonom des Vermögensverwalters Ostrum Asset Management fest.

          Das schlägt sich auch auf dem Arbeitsmarkt nieder: Im März und April sind die Arbeitslosenzahlen in die Höhe geschnellt. Im Juni stellte sich bei jenen Franzosen, die gar keine Arbeit haben, zwar eine gewisse Entspannung ein. Doch die Zahl all jener, die beim Arbeitsamt eingeschrieben sind und sich in einer Umschulungsmaßnahme befinden oder gerne mehr arbeiten würden, liegt mit mehr als 6 Millionen auf einem historischen Höchststand.

          Der französische Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire zeigte sich am Freitag befriedigt, dass das Wirtschaftswachstum weniger stark eingebrochen ist als erwartet. Dies zeige, dass die Staaten nicht ohnmächtig seien, sondern durch ihre Hilfsmaßnahmen das Schlimmste verhindern können, sagte er. Die Insee-Statistiker rechnen nun mit einem Minus von 9 Prozent fürs ganze Jahr, die Regierung erwartet einen Rückgang von 11 Prozent.

          Ökonomen wie Christian de Boissieu kritisieren indes, dass die Regierung nicht schnell ein breites Konjunkturprogramm aufgelegt hat. Sie brachte stattdessen mehrere branchenspezifische Hilfspläne auf den Weg. Erst im kommenden Monat will die Regierung weitere Maßnahmen verkünden. Sie kämen unter Umständen genauso zu spät wie der europäische Hilfsplan über 750 Milliarden Euro, kritisierte de Boissieu in einem Radiointerview.

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