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Massen-Exodus : Der Balkan auf Stand-by

Ein verlassenes Gebäude im Kosovo. Viele Menschen drängen ins Ausland Bild: dpa

Das Kosovo ist politisch ein Staat im Aufbau, wirtschaftlich aber ein Entwicklungsland. In großer Zahl kehren ihm Einwohner den Rücken, denn sie haben ihre Hoffnung verloren.

          3 Min.

          Gerade hat das Kosovo den siebten Jahrestag seiner Unabhängigkeit von Serbien begangen, aber nach Feiern ist den wenigsten Einwohnern zumute. Statt zum Geburtstagsfest drängen sie ins Ausland: Die 18.000 Personen, die in den ersten sechs Wochen des Jahres nach Deutschland kamen, machen ein Hundertstel der Bevölkerung aus. Alle Erklärungsversuche für die plötzliche Zunahme greifen zu kurz. Die Vereinten Nationen sehen in der Armut den Haupttreiber, doch dieses Phänomen ist nicht neu.

          Auch Gerüchte über die großzügigere Aufnahme in Deutschland erklären die Massenflucht nur unzureichend, zumal sich unter den Flüchtlingen viele Angehörige der Mittelschicht befinden, die es besser wissen. Als weiterer Grund wird die schnelle Aufwertung des Franken in der Schweiz genannt. Wer es in das beliebteste Land hinter Deutschland schafft, der kann seinen Verwandten zu Hause, wo der Euro gilt, 20 Prozent mehr bieten.

          Vermutlich sind verschiedene Ursachen für den Exodus verantwortlich, die eines gemeinsam haben: Ernüchterung über die Lage in der Heimat. Die Wahlen im Juni hatten noch etwas Druck aus dem Kessel genommen. Viele bauten auf einen Neuanfang, nachdem die Regierungspartei ihre Mehrheit verloren hatte. Doch die alten Gewalten regieren weiter. Gerade die Mittelschicht hatte sich Hoffnungen gemacht, dass die Vetternwirtschaft enden und sie endlich Aufstiegschancen erhalten würde. Diese Träume sind verflogen, weshalb viele Desillusionierte auswandern.

          De facto ist das Kosovo ein sicheres Herkunftsland, Asylbewerber haben kaum Chancen auf Anerkennung. Das gilt auch für den Rest des Westbalkans: natürlich für die EU-Mitglieder Kroatien und Slowenien, aber auch für Serbien, Bosnien-Hercegovina und Mazedonien. Albanien und Montenegro könnten demnächst zum Kreis dieser Staaten gehören, in welche die Abschiebung leichter fällt. Doch nur politisch handelt es sich um „sichere“ Staaten, materiell sind sie es nicht. Das Pro-Kopf-Einkommen rangiert zwischen 23 Prozent des EU-Durchschnitts im Kosovo und 44 in Montenegro. Selbst das EU-Schlusslicht Bulgarien schafft 48 Prozent, in Kroatien und Slowenien sind es 61 und 85 Prozent.

          Misstrauen verhindert Integration

          Daraus lässt sich zweierlei ableiten. Zum einen, dass die EU-Mitgliedschaft nach wie vor Wohlstandsgewinne verspricht und deshalb eine interessante Perspektive bietet. Zwar biedern sich auch Russland und China als Partner an. Doch gelten sie als zu unberechenbar und zu egoistisch, als dass sie eine wirkliche Alternative böten zur EU mit dem hochgeschätzten Deutschland an der Spitze. Europa bleibt der zentrale Orientierungspunkt der Balkanvölker, wie die Auswanderung unterstreicht. Sie folgt dem abgewandelten D-Mark-Spruch vor der deutschen Vereinigung: „Kommt die EU, dann bleiben wir. Kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!“

          Zum anderen ist es in der Region gerade die Konzentration auf das Politische, die das wirtschaftliche Vorankommen erschwert. Der Diskurs ist rückwärtsgewandt, die Macht zementiert, die Eliten sind ungesund stark, die Institutionen ungesund schwach. Den Krieg hat die Bevölkerung längst noch nicht überwunden. Das Misstrauen dauert an und verhindert die überfällige regionale Integration. Dadurch wird auch viel Energie von außen gebunden, die besser in den wirtschaftlichen Aufbau fließen sollte.

          Abermals kann das Kosovo als Beispiel dienen. In dem kleinen Land sind die EURechtsstaatsmission Eulex, die Kfor-Truppen sowie - trotz der Selbstverwaltung seit der Unabhängigkeit 2008 - noch die Interimsverwaltung der Vereinten Nationen Unmik tätig. Allein Letztere kostet 43 Millionen Dollar im Jahr, das entspricht 12 Prozent des kosovarischen Warenexports. Eulex beschäftigt 2000 Personen und bringt damit in Prishtina die größte Ansammlung von EU-Bürokraten außerhalb von Brüssel zusammen.

          Politische Stabilität vor wirtschaftlichem Aufbau

          Angesichts der Auseinandersetzungen zwischen Albanern und Serben, angesichts auch der ungefestigten Institutionen im jüngsten Staat Europas, hat die hohe Präsenz manche Berechtigung. Aber die Ausländer müssen sich fragen lassen, ob hinter diesen Aufgaben der wirtschaftliche Aufbau nicht zu kurz gekommen ist. Und ob sie nicht für das Ziel von Aussöhnung und Stabilität solche Führungszirkel und Einrichtungen gestützt haben, die mehr Partizipation und Wohlstand der Bevölkerung verhindern.

          Politisch ist das Kosovo ein europäischer Staat im Aufbau, wirtschaftlich ein Entwicklungsland. Die jährlichen Hilfen der Geber summieren sich auf rund 600 Millionen Dollar, ein Zehntel des Bruttoinlandsprodukts. Was für das Kosovo gilt, gilt auch für andere Länder Südosteuropas: Will man die Region aus der Misere holen, dann müssen die personellen und materiellen Mittel wirksamer eingesetzt werden.

          Zur Stärkung von Bildung und Ausbildung etwa oder zur Förderung des Mittelstands. Falsch hingegen ist es, die Eigenverantwortung und die zarten Pflänzchen von Unternehmertum mit üppigen Zuwendungen zuzuschütten und die Verwaltung derart aufzublähen, dass junge Leute ihr Heil vor allem in der unproduktiven Bürokratie suchen. Gelingt dieser Umbau nicht, dann stimmt das Volk auch künftig mit den Füßen ab.

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

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