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Zwischenstand zur Corona-Krise : So stark leidet die deutsche Wirtschaft

Die deutsche Wirtschaft leidet unter der Krise. Bild: dpa

Wie viele Unternehmen haben Hilfe beantragt? Wie viele Menschen sind von Kurzarbeit betroffen? Hier kommt die Zwischenbilanz einer Krise, deren Ende längst nicht in Sicht ist.

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          Die krisenbedingt beschlossenen Darlehen und Soforthilfen belasten den deutschen Staat bislang in niedriger zweistelliger Milliardenhöhe. Das geht aus einer aktuellen Übersicht hervor, die FAZ.NET vorliegt. Demnach sind bis Ende vergangener Woche rund 18.000 Anträge von Unternehmen auf KfW-Kredite bewilligt worden im Umfang von 10,3 Milliarden Euro. Die Bewilligungsquote beträgt 98 Prozent. In ähnlicher Größenordnung hat der Bund Soforthilfen für kleine Unternehmen und Selbständige mit bis zu zehn Beschäftigten bewilligt.

          Britta Beeger
          Redakteurin in der Wirtschaft.
          Niklas Záboji
          Wirtschaftskorrespondent in Paris

          Die Zahl der Anträge auf Soforthilfen ist mit rund 1,25 Millionen aber um ein Vielfaches höher als die auf Darlehen. Bürgschaften durch die Förderbanken wurden bislang 1115 genehmigt, das Kreditvolumen beläuft sich auf knapp 280 Millionen Euro. Im seit Mitte März laufenden Großbürgschaftsprogramm des Bundes gab es drei Zusagen, die sich zusammen auf ein Volumen von 710 Millionen Euro summieren. Steuerliche Erleichterungen wie Stundungen wurden bislang im Umfang von 267 Millionen Euro bewilligt.

          Die Gesamtsumme der staatlichen Hilfen ist allerdings höher, da beispielsweise Solo-Selbstständige auch noch Länderzuschüsse erhalten können. Zudem sind die genannten Zahlen nur ein Zwischenstand. So warten viele Anträge noch auf ihre Bearbeitung. Zwar gehen im Bundeswirtschaftsministerium mittlerweile deutlich weniger Anrufe ein – in der vergangenen Woche waren es mit 1082 nur noch fast ein Viertel so viele wie Ende März. Auch geht es in den Telefonaten nun in erster Linie um Möglichkeiten der Laufzeitverlängerung oder Probleme von Kleinunternehmern mit Vermietern oder Lieferanten, die nicht kompromissbereit sind.

          Allein das Antragsvolumen der KfW-Darlehen beläuft sich aber auf rund 29,4 Milliarden Euro und ist damit drei Mal so hoch wie das schon bewilligte Kreditvolumen. Mit anderen Worten: Viele Milliarden Euro an Kredithilfen kommen noch hinzu. Die mit Abstand meisten Anträge auf Liquiditätshilfen kommen aus den Bereichen KfZ und Handel gefolgt vom Gastgewerbe. Vom Volumen her überwiegen allerdings die Anträge aus der Industrie.

          Fünf Millionen Kurzarbeiter?

          Am Arbeitsmarkt zeigt sich das Ausmaß der Krise bisher vor allem an der stark gestiegenen Kurzarbeit. 718.000 Betriebe haben nach jüngsten Angaben der Bundesagentur für Arbeit Kurzarbeit beantragt, bei der die Arbeitslosenkasse im Regelfall für 60 Prozent des ausgefallenen Nettolohns (Kurzarbeiter mit Kindern: 67 Prozent) aufkommt. Anders als in der Zeit nach der Finanzkrise, in der vor allem Industriebetriebe Kurzarbeit beantragten, benötigen dieses Mal aufgrund des wochenlangen Lockdowns auch viele kleinere Betriebe etwa aus der Gastronomie und dem Einzelhandel Unterstützung.

          Wie viele Beschäftigte von Kurzarbeit betroffen sind, ist schwer abzuschätzen, weil sich das aus den Anträgen der Unternehmen nicht automatisch ergibt. Fachleute gehen aber davon aus, dass die Zahl schon jetzt den bisherigen Höchststand aus der Zeit nach der Finanzkrise überschreitet: Im Frühjahr 2009 hatte die Bundesagentur für Arbeit an 1,4 Millionen Arbeitnehmer aus gut 60.000 Betrieben Kurzarbeitergeld ausgezahlt. Die durchschnittliche Zahl der Kurzarbeiter je Betrieb dürfte dieses Mal geringer ausfallen – Restaurants haben üblicherweise nicht so viele Mitarbeiter wie ein Mittelständler aus dem Maschinenbau.

          Doch selbst wenn in jedem der 718.000 Unternehmen im Durchschnitt fünf Mitarbeiter kurzarbeiten, wären das schon mehr als 3,5 Millionen. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung verweist auf eine aktuelle Befragung der Universität Mannheim, wonach Mitte April 10,8 Prozent der Erwerbstätigen in Kurzarbeit gewesen sein könnten – das würde etwa fünf Millionen Menschen entsprechen. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall geht auf Grundlage einer eigenen Unternehmensbefragung davon aus, dass von den vier Millionen Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie Mitte April 1,2 Millionen in Kurzarbeit waren und es bis zum Monatsende 2,2 Millionen sein könnten.

          Die Bundesagentur für Arbeit will am Donnerstag eine erste eigene Schätzung veröffentlichen. Angesichts der Dimensionen, um die es geht, könnte auch ihr Finanzpolster von 26 Milliarden Euro schnell aufgebraucht sein, zumal Union und SPD vergangene Woche beschlossen haben, das Kurzarbeitergeld – gestaffelt nach der Bezugsdauer – auf bis zu 80 und 87 Prozent zu erhöhen.

          Wie lange die Corona-Krise die deutsche Wirtschaft noch lähmt, steht und fällt mit der weiteren Lockerung der Kontaktbeschränkungen und anderen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Zwar hat sich unter Finanzmarktfachleuten, die die Ökonomen vom Mannheimer ZEW monatlich befragen, zuletzt etwas Optimismus bereitgemacht, dass sich Licht am Ende des Tunnels abzeichnet und im dritten Quartal wieder mit Wirtschaftswachstum zu rechnen ist. Die Lageeinschätzung bleibt aber nicht nur in der ZEW-Befragung düster.

          Auch der Geschäftsklimaindex des Münchner Ifo-Instituts macht wenig Hoffnung, dass die Krise bald überwunden ist. Im Gegenteil, das auf der monatlichen Befragung von 9000 deutschen Unternehmen basierende Barometer stürzte im April auf den tiefsten je gemessen Stand ab. Auch die Geschäftserwartungen für die kommenden sechs Monaten beurteilten die Unternehmen sehr schlecht.

          Ob sich deshalb schon jetzt abzeichnet, dass die Insolvenzen in die Höhe schnellen, lässt sich seriös nicht sagen. Aktuelle Zahlen gibt es nicht, da die Bundesregierung die Pflicht der Insolvenzanmeldung für sechs Monate bis Ende September ausgesetzt hat. Wer also jetzt zahlungsunfähig wird, muss das nicht binnen drei Wochen beim Amtsgericht kundtun. Daher gibt es zwar Insolvenzfälle – Maredo ist ein bekannter Fall –, aber die große Welle wird erst im Herbst erwartet. Derzeit kursierende Zahlen dürften daher mit einer hohen Dunkelziffer belastet und wenig aussagefähig sein.

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