https://www.faz.net/-gqe-862ky

EU-Krise : Südeuropas Scheinblüte

Dieses Urteil ist unter Ökonomen so umstritten wie die Euro-Krise insgesamt. Sinns Grund-Diagnose der Krise ist, dass die Peripheriestaaten nach der Einführung des Euros, als sie sich auf einmal billig verschulden konnten, einen zu hohen Lebensstandard auf Pump entwickelt hätten und zu teuer geworden seien. Und dass alle Peripheriestaaten billiger werden müssten, um wettbewerbsfähig zu werden. Das geht auf dem mühsamen Weg, indem man alle Löhne und Preise in harten Verhandlungen einzeln senkt – oder leichter, indem ein Land den Euro verlässt, eine eigene Währung einführt, und diese dann abwertet.

Die Angst vor der nächsten Krise

Dazu gab es im Jahr 2012 Berechnungen der Investmentbank Goldman-Sachs. Danach musste Portugal um ungefähr 35 Prozent billiger werden, Griechenland um 30 Prozent, Frankreich und Spanien um 20 und Italien um 10 bis 15 Prozent, um wieder wettbewerbsfähig zu sein.

Nun ist unstrittig, dass zumindest die sogenannten Programmländer – das heißt jene Länder, die in ein Hilfsprogramm der europäischen Rettungsmechanismen aufgenommen wurden – dafür Sparauflagen erfüllen mussten und die Bevölkerung heftig darunter gelitten hat. Strittig ist aber offenbar, wie viel das am Ende gebracht hat. So meint Sinn, weder Italien noch das Programm-Land Portugal hätten während der Krise überhaupt eine „reale Abwertung“ erfahren. Spaniens Verbesserung der Arbeitsmarktlage resultiere zu mehr als 50 Prozent aus der Abwanderung von Arbeitslosen in andere Länder. „Nur Irland ist durch, weil es um 13 Prozent abgewertet hat.“

Sinn führt als Beleg eine Größe an, die sich „BIP-Deflator“ nennt: Sie misst das Preisniveau von Volkswirtschaften, in diesem Fall von Euroländern relativ zur Eurozone insgesamt. Dabei schneiden Portugal und Italien besonders schlecht ab. Andere Ökonomen wie Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank, halten die Lohnstückkosten (Lohnkosten relativ zu produzierten Einheiten) für die entscheidende Messgröße – und kommen zu einer optimistischeren Einschätzung. Nur Italien schneidet da schlecht ab.

Als große Gefahr sehen manche Ökonomen auf jeden Fall die nächste Rezession. Im Moment stützen das günstige Öl und der billige Euro die Wirtschaft. Was passiert, wenn die Konjunktur in ihrem Turnus wieder schwächer wird? Der frühere Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Thomas Mayer meint sogar, der Euro werde die nächste Rezession womöglich nicht überleben. Andere Ökonomen halten das für übertrieben. Aber auch ZEW-Chef Fuest warnt: „Die Spielräume der anderen Krisenstaaten, neue wirtschaftliche Erschütterungen aufzufangen, sind gering.“ Andreas Höfert, der Chefökonom der Schweizer Großbank UBS prognostiziert, noch vor 2018 werde die vierte Griechenland-Krise kommen: „Und sollte es bis dahin zu rezessiven Tendenzen kommen, sind vermutlich auch die anderen Länder wieder gefährdet.“ Klingt so, als ob uns nicht nur Griechenland in Zukunft weiter in Atem halten wird.

Weitere Themen

Immer noch Skepsis an der griechischen Börse

Finanzmarkt Athen : Immer noch Skepsis an der griechischen Börse

Am Athener Aktienmarkt wettet zwar noch niemand auf einen Regierungswechsel. Die positive Entwicklung der Staatsanleihen überträgt sich aber bisher kaum auf die Börsenkursen. Noch immer hallt unter anderem der Skandal um eine einstige Vorzeigefirma nach.

Ohne Hitler geht es nicht

Europawahl in den Niederlanden : Ohne Hitler geht es nicht

Am Abend vor der Europawahl schlüpfte Ministerpräsident Rutte in die Rolle des Herausforderers, um den Rechtsnationalisten Thierry Baudet zu stellen. Von Putin bis zur Frauenemanzipation, von Einwanderung bis Nexit ging es hart zur Sache.

60 Satelliten auf einmal ins All Video-Seite öffnen

Internet 2.0 von SpaceX : 60 Satelliten auf einmal ins All

Die erdnahen Trabanten stellen die erste Stufe eines geplanten Netzwerks des Internetdiensts Starlink dar, das Hochgeschwindigkeits-Internet für zahlende Kunden auf der ganzen Welt zur Verfügung stellen soll. Starlink ist ein Projekt des Unternehmers Elon Musk.

Topmeldungen

Bayern-Sieg im DFB-Pokal : Geballte Münchner Klasse

Nach dem Meistertitel in der Fußball-Bundesliga sichert sich der FC Bayern nun das Double. Die Münchner setzen sich im Pokalfinale gegen RB Leipzig durch. Vorstandschef Rummenigge bestätigt anschließend: Trainer Kovac bleibt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.