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Wie Deutschland früher half : Der Goldkredit an Italien

Bonn hilft Rom: Kanzler Helmut Schmidt und der italienische Ministerpräsident Rumor 1974 am Comer See Bild: picture alliance / UPI

In den siebziger Jahren war Italien nach der Ölkrise in eine wacklige Lage geraten. Der damalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt vereinbarte mit Italien einen Kredit von 2 Milliarden Dollar. Die Bundesregierung bestand auf eine Sicherheit und erhielt rund ein Fünftel der Goldreserven der italienischen Notenbank.

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          Der Vorschlag der deutschen Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, Deutschland solle für künftige Hilfskredite an notleidende Euro-Länder Garantien zum Beispiel in Gold verlangen, werden in Italien nicht diskutiert. Italiens Politiker und Medien propagieren hingegen Eurobonds und eine Vergemeinschaftung der Staatsschulden, meistens ohne Gegenargumente zur Kenntnis zu nehmen. Dass Italien im Jahr 1974 einen deutschen Hilfskredit mit einem Teil seiner Goldreserven besicherte, ist erfahrenen Ökonomen aber bekannt.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Italien hatte damals, kurz nach der Ölkrise von 1973, wegen gestiegener Einfuhrpreise ein schwer zu finanzierendes Defizit in der Zahlungsbilanz und seine Kreditmöglichkeiten beim Internationalen Währungsfonds schon ausgeschöpft. Die politische und wirtschaftliche Lage des Landes war wackelig: Die amtierende Regierung von Mariano Rumor war die 32. in der Nachkriegszeit. In den Fabriken war wegen wilder und offizieller Streiks die Belegschaft selten vollständig, die Jahre des Terrorismus hatten mit einer Serie tödlicher Bombenanschläge begonnen, die wohlhabenden Italiener schafften aus Furcht vor einer Machtübernahme der Kommunisten ihr Vermögen ins Ausland, und die christdemokratisch geführten Regierungen suchten die Zustimmung der Wähler mit schuldenfinanzierten Wohltaten zu erkaufen.

          In dieser Lage vereinbarte der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt einen Kredit von 2 Milliarden Dollar, damals 5 Milliarden DM, und erhielt dafür als Sicherheit rund ein Fünftel der Goldreserven der Notenbank. 1976 wurde der ursprünglich zweijährige Kredit noch einmal verlängert. Die deutsche Regierung bestand wegen gesunkener Goldpreise auf einer zusätzliche Absicherung; die Frage wurde schließlich mit einer Teilrückzahlung von 500 Millionen Dollar gelöst, womit der ursprünglich verbürgte Goldschatz weiter als ausreichende Sicherheit dienen konnte. Später halfen Einnahmen aus Export und Tourismus den Italienern, ihre Schulden zurückzuzahlen.

          „Wenn die Deutschen nicht handeln wie vorsichtige Banker, sind sie verloren“

          Der Kredit von damals ist heute nicht nur in guter Erinnerung. Die Rede ist auch von der Hartherzigkeit der Deutschen bei den Verhandlungen über die Sicherung. Zuletzt habe sich eine solche Haltung 1992 gezeigt, als der Kurs der Lira von Bundesbank und Banca d‘Italia verteidigt wurde. Auch damals sei von der Bundesbank die Frage gekommen, ob die Italiener jemals ihre Verpflichtungen gegenüber der deutschen Institution begleichen könnten. Heute meint dagegen der Chefredakteur eines Wirtschaftsblattes: „Wenn die Deutschen bei der Rettung des Euro, auch gegenüber Italien, nicht handeln wie ein vorsichtiger Banker, sind sie verloren.“

          Von einigen Ökonomen im Umfeld von Schatzministerium und Notenbank sind dagegen andere Töne zu hören: Der goldbesicherte Kredit in den siebziger Jahren sei vergeben worden, als es noch keine europäischen Institutionen gegeben habe. Deshalb wirke der Wunsch nach ähnlichen Sicherheiten heute anachronistisch. Ein anderer Ökonom sagt, alleine der Gedanke an solche Forderungen zeige die bedenkliche Lage: „Leider ist das ein Anzeichen dafür, dass in Europa derzeit die zentrifugalen Kräfte immer stärker werden.“

          Das Familiensilber im Pfandhaus

          Der bekannte italienische Wirtschaftsprofessor Alberto Quadrio Curzio, der zusammen mit Romano Prodi den Vorschlag von „Euro-Union-Bonds“ mit einem Volumen von 3000 Milliarden Euro vorgelegt hat, will von bilateralen Krediten und Sicherungen nichts wissen. Quadrio Curzio hatte als Dekan der Wirtschaftsfakultät an der Università Cattolica von Mailand nur wenigen überzeugten Europäern wie Helmut Kohl und Jacques Delors eine Ehrendoktorwürde verliehen und denkt nun weiterhin an den europäischen Zusammenhalt. Für seine Idee eines europäischen Fonds wünscht er sich die Übertragung von Goldreserven und Unternehmensbeteiligungen der Euro-Länder von 1000 Milliarden Euro. Er sieht diese Mittel auch als eine Sicherung auf multilateraler Ebene: „Man kann seine Einlage auch verlieren“, meint Quadrio Curzio.

          Ein anderer wichtiger italienischer Ökonom entwickelt den Gedanken der Goldsicherheit in eine ganz andere Richtung weiter: Für Fälle wie Griechenland könne es auch psychologisch wichtig sein, wenn bei Stützungskrediten des europäischen Rettungsfonds zumindest für einen symbolischen Betrag eine Goldgarantie gefordert würde. „Es kann hilfreich sein für die Psychologie der Wähler in einem krisengeschüttelten Euroland, wenn man sieht, dass sozusagen das Familiensilber im Pfandhaus gelandet ist.“ Auch in Italien hätten Politiker und Bevölkerung noch nicht genügend Bewusstsein für den Ernst der Lage. Das sei aber wichtig. Denn Italien könne nicht mit Krediten gerettet werden, sondern nur mit schnell wirkenden und glaubwürdigen Reformen.

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