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Wege aus der Rezession : Rückkehr zu Keynes?

Die Wirtschaftsweisen empfehlen ein öffentliches Investitionsprogramm Bild: dpa

In den siebziger Jahren hatte eine staatliche Nachfragepolitik außer einem starken Anstieg der Verschuldung wenig bewirkt. In der gegenwärtigen schweren Krise dreht sich der Wind. Auf der ganzen Welt schnüren Regierungen große Pakete zur Wiederbelebung der Konjunktur. Doch die Wirkung der Ausgabenprogramme ist umstritten.

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          Die keynesianische Konjunkturpolitik galt viele Jahre als tot. Schlechte Erfahrungen hätten das Konzept des britischen Ökonomen John Maynard Keynes diskreditiert, hieß es. In den siebziger Jahren hatte eine staatliche Nachfragepolitik außer einem starken Anstieg der Verschuldung wenig bewirkt. Folglich verlegte sich die ökonomische Fachwelt auf die Angebotstheorie, die vom Staat vor allem guten Rahmenbedingungen für Wirtschaftswachstum fordert.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          In der gegenwärtigen schweren Krise dreht sich der Wind. Auf der ganzen Welt schnüren Regierungen große Pakete zur Wiederbelebung der Konjunktur: 700 Milliarden Dollar will der gewählte amerikanische Präsident Barack Obama in die Wirtschaft pumpen, die Europäische Union möchte 200 Milliarden Euro auf den Weg bringen.

          „Keynes ist Antibiotikum“

          Peter Bofinger, der auf Vorschlag der Gewerkschaften im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung sitzt, plädiert schon seit Jahren dafür, die Nachfragepolitik stärker zu beachten. Nun findet er Gehör: „Keynes ist wie ein Antibiotikum, wenn die Selbstheilungskräfte des Marktes versagen“, sagt er. „Eigentlich hat der Markt, wie ein menschlicher Organismus, sehr gute Selbstheilungskräfte, aber wenn wie derzeit eine Infektion und ein halber Herzinfarkt, nämlich die Bankenkrise, zusammenkommen, dann muss der Staat einschreiten.“

          Als Keynes in den dreißiger Jahren seine „General Theory“ verfasste, hatte die Welt soeben eine verheerende Depression durchgemacht. Zwischen 1929 und 1932 war die Konjunktur in allen wichtigen Industrieländern stark eingebrochen. Vor diesem Hintergrund entwarf Keynes seine Theorie: Wenn die Wirtschaft in einen Abschwung gerate und die Arbeitslosigkeit steige, fehle es an Nachfrage. Der Preismechanismus reagiere darauf nicht ausreichend, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Die Verbraucher würden ängstlich und hielten sich mit Ausgaben zurück, anstatt zu konsumieren. Auch sinkende Zinsen, die normalerweise Investitionen anregen, würden nicht helfen, sagte Keynes. Er sprach von einer „Liquiditätsfalle“, wenn zusätzliches Geld nur noch gehortet werde.

          Geldpolitik verliert ihre Wirkung

          Weltweit haben die Zentralbanken seit Ausbruch der Krise vor gut einem Jahr die Leitzinsen gesenkt in der Hoffnung, damit der Wirtschaft neuen Schwung zu geben. Doch es gibt Zweifel, ob dies ausreicht. In einer extremen keynesianischen Situation wird die Geldpolitik wirkungslos, da Unternehmen neue Investitionen scheuen. „Man kann die Pferde zur Tränke führen, doch man kann sie nicht zum Saufen zwingen“, formulierte es der SPD-Wirtschaftsminister Karl Schiller. Zwar horten die Banken und auch Unternehmen derzeit viel Geld, doch Bofinger sieht noch keine regelrechte „Liquiditätsfalle“. „Die läge erst vor, wenn die Geldpolitik gar keinen Einfluss mehr auf die langfristigen Zinsen nehmen könnte.“

          Normalerweise reguliere sich der Markt von selbst, indem die Preise reagieren. Nun aber gebe es die Gefahr einer Deflation, also eines allgemeinen Verfalls des Preisniveaus, was die Krise verschärfen würde, warnt Bofinger. Daher sei eine antizyklische Ausgabenpolitik notwendig, um die Nachfragelücke zu schließen.

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