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Kommentar : Freut euch doch endlich!

  • -Aktualisiert am

Qualifizierte Arbeit: die Montage eines Planetengetriebes. Bild: dapd

Deutschland erlebt ein Wunder am Arbeitsmarkt. Wieso trauen wir ihm nicht?

          2 Min.

          Kommt eine Deutsche, die jahrelang im Ausland lebte und drei Jahre für ihre Töchter daheim blieb, zurück nach Deutschland. Bewirbt sich auf die erste Stelle, die ihr passend erscheint, und - zack! - sie hat den Job. Kommt ein arbeitsloser Spanier nach Deutschland, bewirbt sich auf drei Stellen und - oha! - bekommt drei Angebote. Fast jeder Deutsche kennt derzeit so eine Geschichte, und viele Europäer kennen sie auch. Den Jugendlichen der Krisenländer gilt Deutschland längst als gelobtes Land der Arbeit. Auch die gerade wieder verkündeten Arbeitsmarktdaten sind deutlich: Im März sank die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland auf 2,93 Millionen, das ist der niedrigste März-Stand seit 1991. Gleichzeitig sind so viele Personen erwerbstätig wie nie in diesem Land.

          Man muss es den Deutschen, die sich jahrzehntelang auf eine immer weiter steigende Arbeitslosigkeit einstimmten, noch einmal ganz deutlich sagen: In Deutschland gibt es mehr Arbeit, als es sich vor zehn Jahren die kühnsten Optimisten vorherzusagen trauten.

          Natürlich haben die Leute gemerkt, dass sich etwas ändert. Zwar ist Arbeitslosigkeit noch immer die größte Sorge der Deutschen - wie in den meisten Ländern. Aber während sich im Jahr 2004 noch rund 80 Prozent deswegen ängstigten, waren es zuletzt nur noch etwas mehr als 30 Prozent. Außerdem sind die Deutschen mit der derzeitigen Lage ihres Landes zufriedener als die Bewohner der meisten anderen Industrienationen.

          Für alle gibt es eine Stelle – doch der Bildungswahn wird extremer

          Trotzdem stimmt etwas nicht. Die Deutschen trauen dem Ganzen offenbar selbst nicht recht. Nicht nur, dass sie mäkeln (es entstünden die falschen Jobs, alles prekär; und was ist mit den Langzeitarbeitslosen? etc.). Sie verändern auch ihr Verhalten nicht. Auffällig ist das insbesondere an Schulen. Keinesfalls entspannen sich Eltern und lassen ihren Kindern wieder alle Freiheiten, auch mal schlechte Noten mit nach Hause zu bringen. Macht nichts, schließlich gibt es am Ende für jeden eine Stelle. Nein, der Wahn rund um die Bildung wird immer extremer.

          Mehr Kinder denn je drängen aufs Gymnasium, mehr junge Leute denn je an die Universität. Viele Eltern aus der Mittelschicht schicken ihr Kind nicht mehr auf die städtische Grundschule, sondern auf eine Privatschule. Die Wohlbetuchteren setzen sich noch weiter ab und entsenden ihre Kinder aufs Internat nach England. Was Bildung angeht, so kann man davon offenbar weiterhin nicht genug haben. Dazu passt: Unter den Sorgen der Deutschen hat die Bildungspolitik zuletzt einen rasanten Aufstieg genommen.

          Daraus lässt sich nur ein Schluss ziehen: Die Deutschen trauen dem Aufschwung nicht. Sie glauben nicht, dass er so lange hält, dass auch noch ihre Kinder davon profitieren.

          Ist Pessimismus eine angeborene Eigenschaft der Deutschen?

          Natürlich ist das nicht ganz unbegründet. Wenn rundherum die Eurokrise tobt, es in nahen Ländern 20, 30 oder gar 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit gibt, so macht das den Deutschen zu Recht Angst. Zudem ist es zwar zuallererst ein Verdienst der Hartz-Reformen, dass es in Deutschland derzeit so viel Arbeit gibt. Doch auch der von EZB-Präsident Mario Draghi künstlich geschwächte Euro spielt eine große Rolle, ebenso der zurzeit sehr niedrige Ölpreis. Auch Ökonomen können schwer vorhersagen, wie lange diese beiden Effekte noch eine Rolle spielen werden - schon gar nicht, wie es in zehn Jahren damit aussieht.

          Andererseits ist die Zukunft natürlich niemals gewiss, und Länder, denen es viel schlechter geht, gibt es auch immer. Wann, wenn nicht jetzt sollten die Deutschen mit Optimismus in die Zukunft blicken?

          Die angloamerikanische Welt hat darauf eine einfache Antwort gefunden: nie. Dort hält man Pessimismus für eine Art angeborene Eigenschaft der Deutschen, man nennt es „German Angst“. Mancher erklärt diese Angst sogar zum Schlüssel für den Erfolg der deutschen Wirtschaft: Bereite dich stets auf das Schlimmste vor, dann kommt es besser.

          Mag sein, dass etwas dran ist. Aber an diesem Osterfest sollten die Deutschen das mal kurz vergessen und die Lage wahrnehmen, wie sie ist: Wir erleben ein Beschäftigungswunder in unserem Lande. Freut euch!

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