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Währungseinführung : Der Euro kommt nach Estland wie der Schnee

Ab sofort in Euro: Ein Kind erhält Wechselgeld in einem Supermarkt in Tallinn Bild: AFP

Ab sofort in Euro, bitte! Doch Begeisterung für die neue Währung kommt in Estland nicht auf. Die Hauptstadt Tallinn zeigt lieber als neue Kulturhauptstadt des Kontinents, dass sie zu Europa gehört.

          Als ob es nicht schon genug Schnee in der estnischen Hauptstadt Tallinn gäbe, fängt es um genau eine Minute vor Mitternacht wieder an zu schneien. Die in der klirrend kalten Silvesternacht dicht gedrängt stehenden Menschen vor dem neoklassizistischen Opernhaus nehmen es fast so stoisch hin wie die staatstragende Rede ihres Präsidenten, die gerade auf einer Großbildleinwand übertragen wird. Sehnsüchtig erwarten sie das neue Jahr. In wenigen Sekunden wird Ministerpräsident Andrus Ansip die ersten Euro aus einem Geldautomaten ziehen.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch für die meisten Esten ist der neue Euro anscheinend gar nicht so wichtig. „Man kann dagegen nichts machen. Er kommt wie der Schnee“, sagt achselzuckend ein Mann mittleren Alters, auf die meterhohen Schneemassen rechts und links des Bürgersteiges weisend. Der Immobilienmanager hat die guten Jahre 2000 bis 2007 mit Wachstumsraten von 10 Prozent ebenso wenig vergessen wie den tiefen Absturz, als die estnische Wirtschaft im Jahr 2008 erst um 5 und im Jahr 2009 um 14 Prozent schrumpfte. Die Ausschläge am Immobilienmarkt, angeheizt durch hohe Kreditfinanzierung, waren noch größer. „Auf und Abs wird es mit oder ohne Euro weiter geben, ebenso wird Inflation kommen, da es unserer Wirtschaft zum Glück wieder besser geht. Das alles hängt nicht vom Euro ab“, widerspricht der Mann der landläufigen Meinung.

          Umfragen haben in Estland zuletzt eine Zustimmung von nur noch 52 Prozent für den Euro ermittelt. Die meisten Esten, die sich auf den schneebedeckten Straßen in Tallinn äußern, sehen in der Aufgabe der estnischen Krone vor allem ein Stück weit den Verlust nationaler Identität. Seit Estland im Jahr 1991 mit der Unabhängigkeit von Russland den Rubel los wurde, ging es wirtschaftlich unter dem Strich bergauf. Auch in Krisen hat Estland seine Währung nie abgewertet. Erst war die Krone an die D-Mark und dann an den Euro gekoppelt. Estland war damit „praktisch schon im Euro-Raum, wird aber jetzt vom politischen Outsider zum Insider“, formuliert der liberale Finanzminister Jürgen Ligi. Die Regierung kann mit dem Euro die zuletzt immer wiederkehrenden Gerüchte um Währungsabwertungen beenden, die Investoren abgeschreckt haben. Sie genießt nach hartem Sparkurs die Qualifikation für den Euro-Beitritt. Viele Esten dagegen hängen noch an ihren Geldscheinen, von denen der blaue 100-Kronen-Schein an den 100-D-Mark-Schein erinnert.

          Ein Kundin bezahlt in Tallinn mit dem Euro

          Unmittelbar im neuen Jahr wird der Euro schnell greifbar für alle

          Alte Leute sind wegen der Eisglätte kaum auf der Straße. Wer in Estland eine Rente von 400 Euro bekommt, kann sich glücklich schätzen. Zusammen mit der fast wie in einer Parallelwelt lebenden russischen Minderheit sind die Rentner die Verlierer der politischen Wende. Viele versuchen, sich etwa mit Babysitting für vielleicht 2 Euro die Stunde die karge Rente aufzubessern. Vertrauen in eine neue Währung wie den Euro zu setzen, sei schwierig, sagt die 30 Jahre alte Liina über ihre Großmutter Helle Adams. Dennoch habe die 78 Jahre alte Frau zwei Ausführungen einer Grundausstattung mit den neuen Euro-Münzen zu Weihnachten erworben. Ob mehr als Erinnerungsstück oder aus Sorge, am Neujahrstag kein akzeptiertes Geld mehr zu haben, wisse die alte Dame wohl selbst nicht so genau.

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