https://www.faz.net/-gqe-8di77

Wohlstand : Kuchen für alle

Aber bitte mit Sahne: Dass der Kuchen nicht schnell größer wird, finden Forscher nicht so schlimm. Entscheidend ist, ob jeder ein Stück abbekommt. Bild: Felix Schmitt

Deutschland und andere moderne Volkswirtschaften wachsen nur noch im Schneckentempo. Stehen Reichtum und Arbeitsplätze auf dem Spiel – oder übersehen die Statistiken, wie gut es uns in Wahrheit geht?

          Die Musikindustrie hat keine guten Jahre hinter sich. Die begehrtesten Lieder kursieren im Internet, junge Leute finden CDs so attraktiv wie Volksmusik. Seit der Jahrtausendwende sind die Erlöse hierzulande um 40 Prozent eingebrochen, zuletzt ging es wieder leicht bergauf. Weniger Umsatz bedeutet ein dickes Minus in der Wachstumsstatistik – und damit ein Verlust von Wohlstand.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Zumindest auf dem Papier. Denn tatsächlich hören mehr Menschen denn je die Hits von Beyoncé und Symphonien von Beethoven. Entweder kostenlos im Internet oder mit einem der vergleichsweise günstigen Streamingdienste. „Die Lücke zwischen dem, was Verbraucher zahlen, und dem Wert, den sie durch den Kauf erhalten, ist die Konsumentenrente“, erklärt die britische Forscherin Diane Coyle in ihrem Buch „GDP“. Die offizielle Statistik? Sie ist blind für diesen Genuss.

          Statistiken unterschätzen möglicherweise, wie gut es uns geht

          Das Beispiel der Musikindustrie ist extrem. Aber es hilft zu verstehen, was in modernen Volkswirtschaften gerade passiert: Hochentwickelte Länder wie Deutschland, Japan und die Vereinigten Staaten müssen sich in einem schleichenden Prozess von den üppigen Wachstumsraten früherer Jahrzehnte verabschieden. Sie müssen dauerhaft mit einem nur langsam oder gar nicht wachsenden Bruttoinlandsprodukt (BIP) klarkommen, sagen namhafte Forscher, „säkulare Stagnation“ nennen sie das. Wenn man sich vor Augen führt, dass Wirtschaftswachstum in den Industrienationen seit den Nachkriegsjahren unangefochten das Maß für den Wohlstand der Menschen ist, müssten die Alarmglocken schrillen. Geht der Wirtschaft der Saft aus? War es das mit Reichtum, Rente und rosigen Aussichten?

          So einfach ist es nicht. Denn es gibt gute Gründe, sich von dem pauschalen Gedanken zu verabschieden, dass es ohne starkes Wachstum keinen Wohlstand geben kann. Technische Umwälzungen wie in der Musikindustrie sind nur ein Beispiel dafür, dass die Statistiken möglicherweise systematisch unterschätzen, wie gut es uns geht.

          Wer dieses Phänomen verstehen will, muss fragen, warum das Wachstum ins Stocken gerät. Ein Bremsklotz ist die Bevölkerungsentwicklung. Wenn die Einwohnerzahl schrumpft – wie sie es in Deutschland trotz Zuwanderung voraussichtlich bald tun wird –, wer soll dann immer mehr Autos, Handys und Lebensmittel herstellen und kaufen? Die Industriestaatenorganisation OECD traut kinderarmen Nationen wie Deutschland und Japan bis zum Jahr 2060 nur noch ein Wachstum von weniger als eineinhalb Prozent im Jahr zu. Das wäre noch einmal weniger als die knapp zwei Prozent, um die Deutschland zuletzt gewachsen ist.

          „Per se ist das nicht tragisch“, sagt Volkswirt Rüdiger Bachmann, der an der amerikanischen Universität Notre Dame forscht. „Denn entscheidend für den Einzelnen ist nicht das aggregierte Bruttoinlandsprodukt, sondern das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf.“ Das müsse man den Leuten beibringen – zum Beispiel mit diesem Vergleich: „Die Größe des Kuchens ist nicht so wichtig wie die Frage, wie groß das Stück ist, das jeder Einzelne bekommt.“ Knapp werden kann in einer alternden Gesellschaft allerdings der Kuchen, der im Staatshaushalt und in der umlagefinanzierten Rentenversicherung verteilt werden kann. Wenn immer weniger Junge für immer mehr Alte arbeiten, fallen ohne Wachstum am Ende nur noch Krümel für die Rentner ab.

          „Arbeitsproduktivität je Stunde“ steigt kaum

          Ein zweiter Grund für den Wachstumsschwund ist nicht ganz so einfach zu entschlüsseln wie der demographische Wandel: Die Arbeitsproduktivität wächst ebenfalls nur noch im Schneckentempo. Dieser sperrige Fachbegriff beschreibt, wie viel ein Arbeiter in einem bestimmten Zeitraum schafft. Backt ein Bäcker am Tag zwei Kuchen und nicht nur einen, ist seine Produktivität doppelt so hoch. Das treibt das Wachstum. In den vergangenen Jahren waren die Fortschritte jedoch überschaubar, sagen zumindest die Statistiker. Von 2010 bis 2014 stieg die „Arbeitsproduktivität je Stunde“ der deutschen Wirtschaft nur um 3,6 Prozent, errechnet das Statistische Bundesamt – also um weniger als ein Prozent im Jahr. In den Vereinigten Staaten ist die Produktivität vor einem Jahr sogar zwei Quartale nacheinander zurückgegangen. Und das in einer Zeit, in der vernetzte Maschinen und selbstlernende Roboter auf dem Vormarsch sind.

          Dauert es einfach noch eine Weile, bis diese Innovationen in so viele Fabriken einziehen, dass es sich in den Daten zeigt? Wird das Potential der neuen Technologien maßlos überschätzt, wie der amerikanische Forscher Robert Gordon behauptet? Oder gehen den Menschen in Zeiten anhaltend niedriger Zinsen gar die Ideen für lohnende Investitionen aus? „Das haben Menschen schon häufiger gedacht“, wendet Volkswirt Bachmann ein. „Warum sollte es dieses Mal stimmen? Aber es kann natürlich immer das erste Mal sein.“

          Der Sachverständigenrat, der die Bundesregierung berät, hat der Produktivitätsfrage in seinem jüngsten Jahresgutachten ein eigenes Kapitel gewidmet. „Wir haben zwei zentrale Gründe gefunden“, fasst Steffen Elstner zusammen, der zum wissenschaftlichen Stab des Rats gehört. Beide Gründe haben es in sich. Zum einen seien seit 2005 mehr als drei Millionen Arbeitslose auf den Arbeitsmarkt zurückgekehrt. Dass sie eher in Bereichen mit geringer Produktivität Arbeit gefunden haben, etwa im Handel oder der Pflege, dämpfe die Produktivität. Zweitens habe die Industrie vor einigen Jahren damit aufgehört, im großen Stil Tätigkeiten mit geringer Produktivität ins Ausland zu verlagern. Auch das bremst, statistisch gesehen, die Dynamik. Aber bremst es auch den Wohlstand? Tatsächlich bedeuten beide Trends, dass mehr Arbeit von mehr Menschen in Deutschland erledigt wurden.

          Technischer Fortschritt ist der größte blinde Fleck

          Der größte blinde Fleck in den amtlichen Statistiken ist aber der technische Fortschritt. Als in den neunziger Jahren Computer zum Massenphänomen wurden, kam die Frage auf, wie bessere Qualität und sinkende Preise in den Statistiken angemessen erfasst werden können, schreibt Autorin Diane Coyle. Der Yale-Forscher William Nordhaus schätzt, dass die Leistung der Computer über einen langen Zeitraum jährlich um ein Drittel zugelegt hat. Was gestern noch teure Hightech war, konnte am nächsten Tag überholt und nahezu wertlos sei. 1996 wies in den Vereinigten Staaten eine Expertenkommission darauf hin, dass die offiziellen Statistiken diesen rasanten Zuwachs dramatisch unterschätzten.

          Die Behörden von Washington bis Wiesbaden stellten daraufhin nach und nach ihre Methodik um. Sie versuchen jetzt mit sogenannten hedonischen Schätzungen, Qualitätssprünge und Preisentwicklungen genauer zu erfassen. Das ist kompliziert, Zweifel bleiben bestehen. „Ich glaube nicht, dass wir den technischen Fortschritt heute wirklich genau erfassen. Da besteht großer Nachholbedarf“, sagt Makroökonom Bachmann.

          Am augenfälligsten wird dieser Nachholbedarf im Internet und im Mikrokosmos der Handy-Applikationen. Die Musikindustrie ist nur eines von unzähligen Beispielen für die Wucht, mit der diese Innovationen ganze Branchen verändern: Wer vor zwanzig Jahren Zugriff auf Wissen haben wollte, kaufte für mehrere tausend D-Mark einen mehrbändigen Brockhaus. Eine Generation später genügt ein Gratis-Klick in der Wikipedia – die Brockhaus-Enzyklopädie wird seit Mitte 2014 nicht mehr gedruckt. Wer eine Sprache lernen will, braucht keinen Volkshochschulkurs mehr. Eine kostenlose Lern-App genügt. Wer joggen geht, sieht den Streckenverlauf und die Leistungskurve auf dem Handydisplay. Vor wenigen Jahren hätte man dafür mehrere Geräte und Landkarten benötigt. Es gibt sogar Menschen, die neuen, digitalen Währungen das Potential zusprechen, Banken nahezu überflüssig zu machen.

          Gratis-Googeln für 150 Milliarden Dollar im Jahr

          Von all diesen Dingen, die das Leben einfacher und angenehmer machen können, taucht im Bruttoinlandsprodukt kaum etwas auf. Absurderweise verringern sie sogar den Wert, da sie andere Geschäftsmodelle ersetzen. Das BIP erfasst ausschließlich monetäre Größen. Doch die Umsätze und Löhne der oft winzigen App-Unternehmen spiegeln nicht annähernd wider, wie sie den Alltag der Menschen verändern. Das zumindest bemängelt Technologieforscher Erik Brynjolfsson. Der MIT-Forscher schätzt, dass kostenlose Online-Dienste wie Facebook, Google oder Wikipedia für Verbraucher zuletzt einen Nutzen hatten, der 300 Milliarden Dollar im Jahr entspricht – eine gewaltige Summe, die in den Statistiken fehle.

          Google-Chefökonom Hal Varian beziffert den Wert des Gratis-Googelns auf 150 Milliarden Dollar im Jahr. Zwar ist Varian nicht unabhängig, „aber seine Kalkulationen scheinen begründbar“, schreibt Autorin Coyle. Sie zitiert einen Forscher, der fordert, Daten und Informationen in die Berechnung der Wirtschaftskraft aufzunehmen. Das würde die Kennzahl in Amerika 2012 nach Ansicht des Forschers um 0,6 Prozent erhöhen. Ökonom Bachmann wird grundsätzlich: „Ist unsere BIP-Berechnung noch adäquat für die heutige Art des Wirtschaftens? Dahinter muss man zumindest ein Fragezeichen setzen.“

          Dass das Bruttoinlandsprodukt kein perfektes Maß für Wohlstand ist, haben Kritiker schon lange vor dem Siegeszug des Internets bemängelt. Schließlich hängt das Glück der Menschen nicht allein von materiellen Dingen ab. Unter anderem eine Enquete-Kommission des Bundestags hat alternative Indikatoren entwickelt, die erfassen sollen, was wirklich zählt: der Zustand der Umwelt, die Einkommensverteilung, die Lebenserwartung, das Gesundheits- und Bildungssystem, die Sicherheit im Land. Auch wenn viele dieser Dinge mit der Höhe des BIP korrelieren, sind Forscher der Ansicht, dass die neuen Indikatoren wichtig sind, um sich ein umfassendes Bild des Wohlstandes zu machen.

          Wenn in Deutschland das Wachstum stagniert, könnte demnach der alternativ gemessene Wohlstand weiter steigen. In der öffentlichen Wahrnehmung führen die Indikatoren aber noch ein Schattendasein. Sollte man am besten ganz auf das BIP verzichten? Ökonom Bachmann ist dagegen. „Das BIP liefert wichtige Informationen und verringert die Komplexität – aber man darf keinen Fetisch daraus machen.“

          Weitere Themen

          Furcht hält Börsen im Griff Video-Seite öffnen

          Sinkende Kurse : Furcht hält Börsen im Griff

          Konjunkturängste und der Handelsstreit zwischen den Vereinigten Staaten und China belasten zunehmend die Stimmung. Die amerikanischen Börsen haben gestern tief im Minus geschlossen. Der Dow-Jones-Index schloss 3,05 Prozent tiefer bei 25.479 Punkten.

          Topmeldungen

          Auch drei Düsen könnten genügen: Airbus A380 der Fluglinie Emirates.

          Airbus : Wann darf ein A380 mit drei Turbinen fliegen?

          Ein Airbus A380 braucht zum Fliegen nicht unbedingt vier Triebwerke. Er kommt auch mit einem weniger ans Ziel. Unter bestimmten Voraussetzungen und Vorschriften.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.