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Wohlstand : Kuchen für alle

Aber bitte mit Sahne: Dass der Kuchen nicht schnell größer wird, finden Forscher nicht so schlimm. Entscheidend ist, ob jeder ein Stück abbekommt. Bild: Felix Schmitt

Deutschland und andere moderne Volkswirtschaften wachsen nur noch im Schneckentempo. Stehen Reichtum und Arbeitsplätze auf dem Spiel – oder übersehen die Statistiken, wie gut es uns in Wahrheit geht?

          6 Min.

          Die Musikindustrie hat keine guten Jahre hinter sich. Die begehrtesten Lieder kursieren im Internet, junge Leute finden CDs so attraktiv wie Volksmusik. Seit der Jahrtausendwende sind die Erlöse hierzulande um 40 Prozent eingebrochen, zuletzt ging es wieder leicht bergauf. Weniger Umsatz bedeutet ein dickes Minus in der Wachstumsstatistik – und damit ein Verlust von Wohlstand.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Zumindest auf dem Papier. Denn tatsächlich hören mehr Menschen denn je die Hits von Beyoncé und Symphonien von Beethoven. Entweder kostenlos im Internet oder mit einem der vergleichsweise günstigen Streamingdienste. „Die Lücke zwischen dem, was Verbraucher zahlen, und dem Wert, den sie durch den Kauf erhalten, ist die Konsumentenrente“, erklärt die britische Forscherin Diane Coyle in ihrem Buch „GDP“. Die offizielle Statistik? Sie ist blind für diesen Genuss.

          Statistiken unterschätzen möglicherweise, wie gut es uns geht

          Das Beispiel der Musikindustrie ist extrem. Aber es hilft zu verstehen, was in modernen Volkswirtschaften gerade passiert: Hochentwickelte Länder wie Deutschland, Japan und die Vereinigten Staaten müssen sich in einem schleichenden Prozess von den üppigen Wachstumsraten früherer Jahrzehnte verabschieden. Sie müssen dauerhaft mit einem nur langsam oder gar nicht wachsenden Bruttoinlandsprodukt (BIP) klarkommen, sagen namhafte Forscher, „säkulare Stagnation“ nennen sie das. Wenn man sich vor Augen führt, dass Wirtschaftswachstum in den Industrienationen seit den Nachkriegsjahren unangefochten das Maß für den Wohlstand der Menschen ist, müssten die Alarmglocken schrillen. Geht der Wirtschaft der Saft aus? War es das mit Reichtum, Rente und rosigen Aussichten?

          So einfach ist es nicht. Denn es gibt gute Gründe, sich von dem pauschalen Gedanken zu verabschieden, dass es ohne starkes Wachstum keinen Wohlstand geben kann. Technische Umwälzungen wie in der Musikindustrie sind nur ein Beispiel dafür, dass die Statistiken möglicherweise systematisch unterschätzen, wie gut es uns geht.

          Wer dieses Phänomen verstehen will, muss fragen, warum das Wachstum ins Stocken gerät. Ein Bremsklotz ist die Bevölkerungsentwicklung. Wenn die Einwohnerzahl schrumpft – wie sie es in Deutschland trotz Zuwanderung voraussichtlich bald tun wird –, wer soll dann immer mehr Autos, Handys und Lebensmittel herstellen und kaufen? Die Industriestaatenorganisation OECD traut kinderarmen Nationen wie Deutschland und Japan bis zum Jahr 2060 nur noch ein Wachstum von weniger als eineinhalb Prozent im Jahr zu. Das wäre noch einmal weniger als die knapp zwei Prozent, um die Deutschland zuletzt gewachsen ist.

          „Per se ist das nicht tragisch“, sagt Volkswirt Rüdiger Bachmann, der an der amerikanischen Universität Notre Dame forscht. „Denn entscheidend für den Einzelnen ist nicht das aggregierte Bruttoinlandsprodukt, sondern das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf.“ Das müsse man den Leuten beibringen – zum Beispiel mit diesem Vergleich: „Die Größe des Kuchens ist nicht so wichtig wie die Frage, wie groß das Stück ist, das jeder Einzelne bekommt.“ Knapp werden kann in einer alternden Gesellschaft allerdings der Kuchen, der im Staatshaushalt und in der umlagefinanzierten Rentenversicherung verteilt werden kann. Wenn immer weniger Junge für immer mehr Alte arbeiten, fallen ohne Wachstum am Ende nur noch Krümel für die Rentner ab.

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