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Wohlstand : Kuchen für alle

Am augenfälligsten wird dieser Nachholbedarf im Internet und im Mikrokosmos der Handy-Applikationen. Die Musikindustrie ist nur eines von unzähligen Beispielen für die Wucht, mit der diese Innovationen ganze Branchen verändern: Wer vor zwanzig Jahren Zugriff auf Wissen haben wollte, kaufte für mehrere tausend D-Mark einen mehrbändigen Brockhaus. Eine Generation später genügt ein Gratis-Klick in der Wikipedia – die Brockhaus-Enzyklopädie wird seit Mitte 2014 nicht mehr gedruckt. Wer eine Sprache lernen will, braucht keinen Volkshochschulkurs mehr. Eine kostenlose Lern-App genügt. Wer joggen geht, sieht den Streckenverlauf und die Leistungskurve auf dem Handydisplay. Vor wenigen Jahren hätte man dafür mehrere Geräte und Landkarten benötigt. Es gibt sogar Menschen, die neuen, digitalen Währungen das Potential zusprechen, Banken nahezu überflüssig zu machen.

Gratis-Googeln für 150 Milliarden Dollar im Jahr

Von all diesen Dingen, die das Leben einfacher und angenehmer machen können, taucht im Bruttoinlandsprodukt kaum etwas auf. Absurderweise verringern sie sogar den Wert, da sie andere Geschäftsmodelle ersetzen. Das BIP erfasst ausschließlich monetäre Größen. Doch die Umsätze und Löhne der oft winzigen App-Unternehmen spiegeln nicht annähernd wider, wie sie den Alltag der Menschen verändern. Das zumindest bemängelt Technologieforscher Erik Brynjolfsson. Der MIT-Forscher schätzt, dass kostenlose Online-Dienste wie Facebook, Google oder Wikipedia für Verbraucher zuletzt einen Nutzen hatten, der 300 Milliarden Dollar im Jahr entspricht – eine gewaltige Summe, die in den Statistiken fehle.

Google-Chefökonom Hal Varian beziffert den Wert des Gratis-Googelns auf 150 Milliarden Dollar im Jahr. Zwar ist Varian nicht unabhängig, „aber seine Kalkulationen scheinen begründbar“, schreibt Autorin Coyle. Sie zitiert einen Forscher, der fordert, Daten und Informationen in die Berechnung der Wirtschaftskraft aufzunehmen. Das würde die Kennzahl in Amerika 2012 nach Ansicht des Forschers um 0,6 Prozent erhöhen. Ökonom Bachmann wird grundsätzlich: „Ist unsere BIP-Berechnung noch adäquat für die heutige Art des Wirtschaftens? Dahinter muss man zumindest ein Fragezeichen setzen.“

Dass das Bruttoinlandsprodukt kein perfektes Maß für Wohlstand ist, haben Kritiker schon lange vor dem Siegeszug des Internets bemängelt. Schließlich hängt das Glück der Menschen nicht allein von materiellen Dingen ab. Unter anderem eine Enquete-Kommission des Bundestags hat alternative Indikatoren entwickelt, die erfassen sollen, was wirklich zählt: der Zustand der Umwelt, die Einkommensverteilung, die Lebenserwartung, das Gesundheits- und Bildungssystem, die Sicherheit im Land. Auch wenn viele dieser Dinge mit der Höhe des BIP korrelieren, sind Forscher der Ansicht, dass die neuen Indikatoren wichtig sind, um sich ein umfassendes Bild des Wohlstandes zu machen.

Wenn in Deutschland das Wachstum stagniert, könnte demnach der alternativ gemessene Wohlstand weiter steigen. In der öffentlichen Wahrnehmung führen die Indikatoren aber noch ein Schattendasein. Sollte man am besten ganz auf das BIP verzichten? Ökonom Bachmann ist dagegen. „Das BIP liefert wichtige Informationen und verringert die Komplexität – aber man darf keinen Fetisch daraus machen.“

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