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Wohlstand : Kuchen für alle

„Arbeitsproduktivität je Stunde“ steigt kaum

Ein zweiter Grund für den Wachstumsschwund ist nicht ganz so einfach zu entschlüsseln wie der demographische Wandel: Die Arbeitsproduktivität wächst ebenfalls nur noch im Schneckentempo. Dieser sperrige Fachbegriff beschreibt, wie viel ein Arbeiter in einem bestimmten Zeitraum schafft. Backt ein Bäcker am Tag zwei Kuchen und nicht nur einen, ist seine Produktivität doppelt so hoch. Das treibt das Wachstum. In den vergangenen Jahren waren die Fortschritte jedoch überschaubar, sagen zumindest die Statistiker. Von 2010 bis 2014 stieg die „Arbeitsproduktivität je Stunde“ der deutschen Wirtschaft nur um 3,6 Prozent, errechnet das Statistische Bundesamt – also um weniger als ein Prozent im Jahr. In den Vereinigten Staaten ist die Produktivität vor einem Jahr sogar zwei Quartale nacheinander zurückgegangen. Und das in einer Zeit, in der vernetzte Maschinen und selbstlernende Roboter auf dem Vormarsch sind.

Dauert es einfach noch eine Weile, bis diese Innovationen in so viele Fabriken einziehen, dass es sich in den Daten zeigt? Wird das Potential der neuen Technologien maßlos überschätzt, wie der amerikanische Forscher Robert Gordon behauptet? Oder gehen den Menschen in Zeiten anhaltend niedriger Zinsen gar die Ideen für lohnende Investitionen aus? „Das haben Menschen schon häufiger gedacht“, wendet Volkswirt Bachmann ein. „Warum sollte es dieses Mal stimmen? Aber es kann natürlich immer das erste Mal sein.“

Der Sachverständigenrat, der die Bundesregierung berät, hat der Produktivitätsfrage in seinem jüngsten Jahresgutachten ein eigenes Kapitel gewidmet. „Wir haben zwei zentrale Gründe gefunden“, fasst Steffen Elstner zusammen, der zum wissenschaftlichen Stab des Rats gehört. Beide Gründe haben es in sich. Zum einen seien seit 2005 mehr als drei Millionen Arbeitslose auf den Arbeitsmarkt zurückgekehrt. Dass sie eher in Bereichen mit geringer Produktivität Arbeit gefunden haben, etwa im Handel oder der Pflege, dämpfe die Produktivität. Zweitens habe die Industrie vor einigen Jahren damit aufgehört, im großen Stil Tätigkeiten mit geringer Produktivität ins Ausland zu verlagern. Auch das bremst, statistisch gesehen, die Dynamik. Aber bremst es auch den Wohlstand? Tatsächlich bedeuten beide Trends, dass mehr Arbeit von mehr Menschen in Deutschland erledigt wurden.

Technischer Fortschritt ist der größte blinde Fleck

Der größte blinde Fleck in den amtlichen Statistiken ist aber der technische Fortschritt. Als in den neunziger Jahren Computer zum Massenphänomen wurden, kam die Frage auf, wie bessere Qualität und sinkende Preise in den Statistiken angemessen erfasst werden können, schreibt Autorin Diane Coyle. Der Yale-Forscher William Nordhaus schätzt, dass die Leistung der Computer über einen langen Zeitraum jährlich um ein Drittel zugelegt hat. Was gestern noch teure Hightech war, konnte am nächsten Tag überholt und nahezu wertlos sei. 1996 wies in den Vereinigten Staaten eine Expertenkommission darauf hin, dass die offiziellen Statistiken diesen rasanten Zuwachs dramatisch unterschätzten.

Die Behörden von Washington bis Wiesbaden stellten daraufhin nach und nach ihre Methodik um. Sie versuchen jetzt mit sogenannten hedonischen Schätzungen, Qualitätssprünge und Preisentwicklungen genauer zu erfassen. Das ist kompliziert, Zweifel bleiben bestehen. „Ich glaube nicht, dass wir den technischen Fortschritt heute wirklich genau erfassen. Da besteht großer Nachholbedarf“, sagt Makroökonom Bachmann.

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