https://www.faz.net/-gqe-164yy

Verteilungskonflikte : Die Griechen beginnen aus der Krise zu lernen

Eigentlich müssten Griechenland schwere Verteilungskämpfe bevorstehen. In der letzten Minirezession von 1991 war das Bruttoinlandsprodukt um nur 1 Million Euro geschrumpft, in der beispiellosen Rezession von 2010 stehen aber plötzlich 6 Milliarden Euro weniger zur Verfügung. Dennoch erwartet niemand große Verteilungskonflikte. Denn diese Krise trifft alle, bei allen entsteht eine Bereitschaft zu Opfern. Die überwältigende Mehrheit unterstützt daher die Politik der Regierung von Ministerpräsident Georgios Papandreou. Die Erkenntnis setze sich durch, dass die abgewählte Regierung von Kostas Karamanlis die nutzloseste der vergangenen dreißig Jahre gewesen sei, sagt verbittert der Unternehmer Panos Deros. Vier von fünf Griechen befürworten das Sparprogramm, aber nur zwei von fünf Griechen halten es für fair.

Linke wie rechte radikale Parteien legen nicht zu

Deros fürchtet, dass es das Land in eine noch tiefere Rezession treiben wird. Auch wenn die Maßnahmen wirtschaftlich falsch seien, verhinderten sie aber eine Fortsetzung der gewaltsamen Proteste, die Athen im Dezember 2008 erschüttert haben. Bisher konnten auch die radikalen linken wie rechten Parteien nicht zulegen, und stillschweigend hatten sich auch die Landwirte, die zu Jahresbeginn wieder mit viel Lärm Autobahnen und Grenzübergänge blockiert hatten, auf ihre Höfe zurückgezogen. Die Regierung Karamanlis hatte deren Blockaden noch mit Subventionen prämiert. Papandreou zeigte ihnen die kalte Schulter, und für ihren Protest hatte auch die Gesellschaft keine Sympathie mehr.

Viele Kleinbetriebe und kleine Händler werden schließen, wenn sie Steuern zahlen müssen und wenn die preisbewusst werdenden Verbraucher ihre sinkenden Einkommen bei Discountern wie Lidl ausgeben. Aus einer bisher unbekannten Zukunftsangst sparen die Haushalte, und Handelsketten fürchten, dass das Einkommen auf das Niveau der siebziger Jahre fallen wird. Nicht mehr nur Einzelstimmen stellen die EU in Frage. Der Binnenmarkt hatte die Deindustrialisierung Griechenlands beschleunigt. Nun sei die erste Priorität großer Staaten wie Deutschland, der Stabilitätspakt, nicht auch die erste Priorität der Griechen, sagt der Unternehmer Koutsis. Die großen setzten sich auch bei der Verteilung der Strukturmittel durch. So sei in Griechenland mit EU-Hilfen die unwirtschaftliche Eisenbahn ausgebaut worden; die Seehäfen gingen leer aus, um sich keine zusätzlichen Wettbewerber zu schaffen. Koutsis würde sogar einen Staatsbankrott akzeptieren, zu einer abgewerteten Drachme zurückkehren und wieder selbst bestimmen, gegenüber welchen Ländern die Visapflicht aufgehoben werden solle.

Die Krise als Chance zur Katharsis

Noch sind das Einzelstimmen. Im Vordergrund steht, die Krise als Chance zur Katharsis, zur Selbstreinigung, zu nutzen. Die griechische Gesellschaft kranke daran, dass sie in Konsumerismus und Resignation verfallen sei, sagt Knapp. Gerade die Jugend habe kapituliert, weil Jobs über Beziehungen vergeben würden, sagt Knapp. Die Krise könne mit der sehr abrupten Landung die griechische Gesellschaft aufrütteln und ihre Dynamik wieder freisetzen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Ashton Applewhite

Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.
Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.