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Verbraucherpreise : Teuerungsrate steigt über drei Prozent

Für Nahrungsmittel müssen Verbraucher abermals tiefer in die Tasche greifen Bild: AP

Preiserhöhungen bei Energie und Lebensmitteln haben die Inflation kräftiger angeheizt als erwartet. Mit drei Prozent erreichte sie den höchste Stand in Deutschland seit 1994. Die Europäische Zentralbank warnt vor einer Lohn-Preis-Spirale.

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          Die vom Statistischen Bundesamt gemessene Inflationsrate lag im November bei 3,1 Prozent. Das war der höchste Stand seit Januar 1994, teilten die Wiesbadener Statistiker am Freitag mit. Deutlich gestiegen sind im Jahresvergleich die Preise für Energie und Nahrungsmittel. Leichtes Heizöl kostete 23,7 Prozent, Kraftstoffe verteuerten sich um 18,6 Prozent. Allerdings sind diese Ergebnisse teilweise auch durch die im Herbst 2006 niedrigeren Preise für Mineralölerzeugnisse verzerrt (statistischer Basiseffekt).

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Nahrungsmittel verteuerten sich gegenüber dem Vorjahr durchschnittlich um 5,8 Prozent. Die Preise für Milchprodukte stiegen um 16,5 Prozent, für Brot und Gebäck um 5 bis 7,1 Prozent. Auch im Euro-Raum zog die Inflation im November deutlich an. Wie Eurostat am Freitag in Brüssel mitteilte, stieg der Harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI) im Währungsgebiet auf 3,1 Prozent. Nach Eurostat-Messung lag die deutsche Teuerungsrate im November sogar bei 3,3 Prozent.

          Warnung der EZB

          Die Europäische Zentralbank (EZB) hat in den vergangenen Tagen wiederholt vor einer andauernden Inflation im Euro-Raum gewarnt. Sie definiert einen HVPI-Anstieg von knapp unter 2 Prozent jährlich als Preisstabilität. Das luxemburgische EZB-Ratsmitglied Yves Mersch erklärte am Freitag, die steigenden Preise für Erdöl und Lebensmittel würden „einen starken kurzfristigen Inflationsdruck“ bewirken. Mersch warnte Unternehmer und Gewerkschaften davor, auf die kurzfristigen Preisanstiege mit Zweitrundeneffekten in den Lohnverhandlungen zu reagieren. Dies werde die Inflation weiter erhöhen. Mersch verwies auf Projektionen des EZB-Stabs, nach denen sich die Inflation im Euro-Raum im kommenden Jahr zwischen 2 und 3 Prozent bewegen dürfte. 2009 solle die Teuerung dann wieder deutlicher zurückgehen.

          Bild: F.A.Z.

          Auch in Amerika hat sich im November die Teuerung erheblich beschleunigt. Die Verbraucherpreise seien durchschnittlich um 0,8 Prozent gestiegen, teilte das zuständige Amt für Arbeitsmarktstatistik mit. Die Jahresrate der Inflation beträgt damit 4,3 Prozent. Im Oktober lag die Jahresrate bei 3,5 Prozent. Vor allem steigende Preise für Benzin und Heizöl haben die Inflation beschleunigt. Auch die sogenannte Kerninflation, die schwankungsanfällige Energie- und Lebensmittelpreise unberücksichtigt lässt, erhöhte sich im Vergleich zu Oktober um 0,3 Prozent, die Jahresrate stieg von 2,2 auf 2,3 Prozent. Bankvolkswirte hatten mit einer konstanten Kernrate von 2,2 Prozent gerechnet.

          Neun Prozent gefühlte Inflation

          Betrachtet man nur die Kerninflationsrate, ist die Inflationsrate auch im Euro-Raum weniger hoch. Ohne Berücksichtigung von Energieprodukten lag die Teuerungsrate in Deutschland bei 2,2 Prozent, schreibt das Statistische Bundesamt. Für die Verbraucher ist die geringere Kerninflationsrate jedoch kein Trost. „Die Kerninflation erfasst nur einen speziellen Aspekt, der für den Verbraucher völlig irrelevant ist“, sagte der an der Schweizer Universität Fribourg lehrende Statistiker Wolfgang Brachinger dieser Zeitung. Nach seinem Konzept der „gefühlten Inflation“, welche Güter mit hoher Kaufhäufigkeit stärker gewichtet, ist die Inflation in den vergangenen zwei Jahren dramatisch gestiegen. „Die Tendenz geht gegen 9 Prozent in der gefühlten Inflation.“ Die gemeldeten niedrigeren Teuerungsraten der Statistikämter, sagte Brachinger, „provozieren die Leute, deren Wahrnehmung eine andere ist“.

          Auch Konjunkturforscher beobachten die Inflationsentwicklung mit zunehmender Besorgnis. Kai Carstensen vom Ifo-Institut warnte, „die Preissteigerung droht mehr und mehr zu einem ernsten Problem zu werden“. Im kommenden Jahr werde es zwar keine Mehrwertsteuererhöhung geben, so dass dieser Preistreiber wegfalle. „Aber das ist nur ein geringer Trost, denn die Konsumlust hat schon erheblich gelitten, wie die Indikatoren zur Konsumkonjunktur anzeigen“, sagte Carstensen. Da der Konsum im kommenden Jahr nicht so stark zunehme wie erhofft, werde sich die konjunkturelle Situation verschlechtern.

          Nach Ansicht des Ökonomen Gustav Horn vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) ist der jüngste Anstieg der Verbraucherpreise kein Grund zur Beunruhigung. Die Teuerung basiere auf Preisschüben, die Anfang oder Mitte kommenden Jahres auslaufen dürften, sagte Horn. Es handele sich um eine Sonderentwicklung, nicht um eine von einer Lohn-Preis-Spirale gekennzeichneten „klassischen Inflation“.

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