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Ungleichgewicht in Europa : Druck auf den Musterschüler Deutschland

Bild: F.A.Z.

Der Export hat Deutschland in Europa stark gemacht. Doch jetzt fühlen sich die Nachbarn übervorteilt. Sie empfehlen höhere Löhne und weniger Export. Aber warum sollen sich die Deutschen freiwillig schwächen?

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          Der Zeitpunkt war geschickt gewählt: Unmittelbar vor dem Treffen der europäischen Finanzminister am vergangenen Montag setzte die französische Finanzministerin Christine Lagarde zum großen Schlag an. Die deutschen Exportüberschüsse, die auf geringe Lohnerhöhungen zurückzuführen seien, nennt sie "unhaltbar" für die europäischen Nachbarn. Weil deren Wettbewerbsfähigkeit schwächer sei als die deutsche, falle dort auch das Wachstum niedriger aus. "Können die Deutschen nicht ein klein wenig tun?", ließ Frau Lagarde charmant über die britische "Financial Times" ausrichten.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          "A little something", ein klein wenig also nur, wie die kluge Frau sich raffiniert ausdrückte, müsse es sein - diese Aufforderung an die Deutschen wurde plötzlich tagelang zur großen Aufregung in Europa. Sollen doch bei euch die Arbeitgeber den Leuten ein klein wenig mehr Lohnprozente gönnen, meint die Französin. Sollen doch die Sparer ein klein wenig mehr Geld ausgeben ("Steuersenkungen könnten das versüßen"), sagt sie, und am besten kaufen die Verbraucher dann französische Importprodukte, meint sie. Dann käme die aus den Fugen geratene Welt wieder in die Balance.

          Selten wurde jenseits des Rheins ungebeten ein komplettes wirtschaftspolitisches Programm für die Deutschen ausgearbeitet. Entsprechend verschnupft reagierte die Berliner Regierungsmannschaft. Während Wirtschaftsminister Rainer Brüderle wie ein beleidigter Musterschüler reagierte ("Das ist aber unfair"), kommentierte Kanzlerin Angela Merkel gewohnt staatsfraulich: "Dort, wo wir stark sind, werden wir unsere Stärken nicht aufgeben", ließ sie mit besten Empfehlungen nach Paris ausrichten: "Das wäre die falsche europäische Antwort auf die Wettbewerbsfähigkeit unseres Kontinents", fügte sie hinzu.

          Längst ist aus der schweren griechischen Krankheit eine europäische Krise geworden. Plötzlich werden nicht mehr nur die hochverschuldeten Schwächlinge in Europas Süden zu Nachsitzen und Strafarbeiten verdonnert, sondern kommt der Musterschüler Deutschland vor das europäische Tribunal.

          Der Kern des Streits dreht sich um die Frage, ob nur die im Wettbewerb nachhinkenden Schuldner in Südeuropa sich ändern müssen. Oder ob nicht auch die erstarkten Deutschen etwas ("a little something") dazu beitragen können, damit Europa wieder zu einem stabilen Gleichgewicht zurückfindet.

          So polemisch die Nachbarn auch sind, so haben sie doch in einem Punkt recht: Des einen Überschuss ist des anderen Defizit; anders geht das nicht. "Die Handelssalden in Europa addieren sich zum Betrag von exakt null", belehren die allerorten wieder zu Ruhm gekommenen Neokeynesianer. Deshalb ist es tatsächlich ein wenig naiv, wenn die Deutschen so tun, als ginge die verlorene Balance in Europa sie nichts an.

          Fraglos nämlich hat Deutschland vom Euro profitiert. Trotz der wachsenden Stärke der Einheitswährung gegenüber dem Dollar hat Deutschland zwischen 2000 und 2008 seine Exporte um 65 Prozent verbessert. Und fast die Hälfte aller unsere Exporte gehen in Länder der Eurozone. Dass Deutschland - einstmals der "kranke Mann Europas" (wie das britische Magazin "Economist" vor ein paar Jahren schrieb) - unterdessen so stark wurde, dass derselbe "Economist" uns vergangene Woche zum "Motor Europas" ernannte, hat viel mit einer zurückhaltenden Lohnpolitik zu tun. Bleiben nämlich die Löhne hinter der Besserung der Produktivität zurück, wirkt das wie eine reale Abwertung der Währung innerhalb des europäischen Binnenraums. Wir haben unsere Waren und Dienstleistungen billig ins europäische Ausland verkauft. Und wir haben zusätzlich dazu beigetragen, dass unsere Handelspartner sich diese Waren auch leisten konnten, indem wir ihre Verschuldung finanziert und unsere Banken ihre Staatsanleihen gekauft haben.

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