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Trotz Abkühlung : Türkei behauptet sich als Europas Wachstumsmeister

Der Aufschwung der Türkei wird sichtbar: Nobelkarossen in einer Einkaufsstraße in Istanbul Bild: VISUM

Die Türkei trotzt allen Unsicherheiten: Export, privater Konsum und Investitionen sichern weiterhin ein hohes Wachstum im Tigerstaat zwischen Europa und Asien. Auch Deutschland profitiert von der Entwicklung und bleibt größter Handelspartner der Türkei.

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          Das Wachstum der türkischen Wirtschaft verlangsamt sich und übertrifft dennoch weiter die Zuwachsraten aller anderen Volkswirtschaften Europas. Nach einem Plus von 9,2 Prozent im Jahr 2010 hat sie auch 2011 um 8,5 Prozent zugelegt. Allerdings war der Zuwachs von Quartal zu Quartal zurückgegangen. Von 11,9 Prozent im ersten Quartal 2011 fiel er schrittweise auf 5,2 Prozent im vierten Quartal.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Ein Teil dieser raschen Abkühlung sei beabsichtigt gewesen, ein anderer nicht, beobachtet Murat Ücer, Partner des New Yorker Wirtschaftsberatungsunternehmens Global Source Partners und einer der bekanntesten Ökonomen der Türkei. Zum einen führt er die Abkühlung auf die Maßnahmen der Notenbank zur Reduzierung des ausufernden Leistungsbilanzdefizits zurück, zum anderen auf das schwierige globale wirtschaftliche Umfeld. Das hat den Zufluss an Kapital zwar gebremst, aber die weiche Landung nach dem Höhenflug durch einen unerwarteten Exportboom, der im Laufe des Jahres an Dynamik gewann, auch abgefedert.

          „Keine Anzeichen einer Krise“

          Im ersten Quartal 2012 wuchs der Export mit einem Plus von 10,5 Prozent weiter überproportional. Stark nimmt die Ausfuhr in die Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas zu. Die türkische Wirtschaft wachse nicht nur aus dem Inland, sondern hat sich auch als der zentrale Beschaffungsmarkt der Region etabliert, sagt Marc Landau, der Geschäftsführer der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer zu Istanbul. Der Radius reiche von den Schwarzmeer-Anrainern über den Kaukasus in die Länder Nordafrikas und des Nahen Ostens und immer stärker hinab in die Golfstaaten. Wirtschaftsvertreter aus diesen Staaten, die für eine Messeteilnahme in Deutschland kein Visum bekämen, besuchten nun Messen in Istanbul.

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          Im Inland waren 2011 der private Konsum der Haushalte, der um 7,7 Prozent zulegte, und die Investitionen mit einem Plus von 17 Prozent die Motoren des Wachstums. Die Zunahme des Kaufs von Maschinen und Ausrüstungen durch private Unternehmen um 26 Prozent ist der Vorbote einer weiteren Modernisierung und Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der türkischen Wirtschaft. Im Jahr 2010 hatten die privaten Unternehmen bereits 43 Prozent mehr in neue Maschinen investiert.

          Anzeichen einer Krise lägen da gewiss nicht vor, sagt Landau, selbst wenn ein Konsens bestehe, dass sich das Wachstum in diesem Jahr nochmals abkühle. Viele Analysten erwarten ein Wachstum von nur noch 5 Prozent. Auch das zieht weitere ausländische Unternehmen an. Niedergelassen haben sich in der Türkei bereits 5000 Unternehmen mit deutschem Kapital. „Sie bearbeiten den türkischen Markt und haben die Nachbarschaft im Auge“, sagt Landau. Vor allem kleine und mittelständische Betriebe eröffneten Büros. Ihre Bandbreite reiche durch alle Branchen, so wie die türkische Wirtschaft diversifiziert sei.

          Eine Verschiebung zu mehr Qualität

          Als wichtigster Lieferant von Maschinen, Anlagen und chemischen Produkten behauptet Deutschland seine Position als größter Handelspartner der Türkei. 2011 ist das bilaterale Handelsvolumen um 27 Prozent auf 37 Milliarden Dollar gestiegen. Der Handel mit Deutschland trägt 5 Prozent zum türkischen Bruttoinlandsprodukt bei. Eine Achillesferse bleibt die hohe Abhängigkeit von Energieimporten. Für sie gab die Türkei 2011 den Rekordwert von 54 Milliarden Dollar aus, was der Hälfte des Außenhandelsdefizits entsprach und doppelt so viel ist wie für Maschinen und Anlagen.

          In der Industrie haben 2011 die Branchen Metallverarbeitung, Maschinenbau, Automobile, Kunststoffe und Leder ihre Umsätze um jeweils mehr als 30 Prozent erhöht und damit Arbeitsplätze geschaffen. Von den 1,2 Millionen produzierten Autos hat die Türkei 67 Prozent exportiert. Gut halten sich auch die wichtigen Branchen Textilien und Bekleidung. Sie haben sich von Billigprodukten höherer Qualität zugewandt und eigene Marken entwickelt. Zudem profitieren sie von Lohnsteigerungen in China, den längeren Lieferzeiten der Konkurrenz in Asien und den Unsicherheiten bei den Wettbewerbern in Nordafrika.

          Zu der breiten Industriepalette kamen zuletzt die Fertigung von Computern sowie die Produktion von Komponenten für die Flugzeughersteller Airbus und Boeing hinzu. Auch im Tourismus zeichnet sich eine Verschiebung zu mehr Qualität ab. Mit einem Zuwachs von 10 Prozent auf 31,5 Millionen Urlauber hat die Türkei ihren Rang als siebtgrößte Urlaubsdestination gefestigt. Die Ausgaben je Urlauber stiegen gegenüber dem Vorjahr um 5 Prozent auf umgerechnet 790 Dollar.

          Zugenommen haben Inflation und Leistungsbilanzdefizit

          Als Folge des dynamischen Wachstums hat sich das Einkommen je Einwohner seit 2004 verdoppelt. Mit 7800 Euro übertrifft die Türkei deutlich die EU-Mitgliedstaaten Rumänien und Bulgarien und liegt nur knapp hinter den baltischen Staaten. Zugenommen haben Inflation und Leistungsbilanzdefizit. Die Inflation stieg 2011 von 6,4 Prozent auf 10,4 Prozent, soll von April an aber wieder sinken. Der Fehlbetrag in der Leistungsbilanz weitete sich 2011 sogar von 6,4 Prozent am Bruttoinlandsprodukt auf nun 10 Prozent aus. Die Maßnahmen der Zentralbank wirken indes. Seit Jahresbeginn ist er rückläufig.

          Die Türkei befinde sich in einer zyklischen Korrektur, sagt der Analyst Ücer. Eine „Krisendynamik“ sei das aber nicht, trotz der unveränderten Unsicherheit, wie sich etwa das langfristige Wachstumsziel von 4 Prozent auf Inflation und Leistungsbilanz auswirke, und trotz der gefährlichen Volatilität Europas.

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