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Konjunktur : Deutsche Industrie sitzt auf Auftragsberg

  • Aktualisiert am

Die Industrie kommt kaum nach mit dem Abarbeiten der Aufträge Bild: dpa

Trotz Corona und dem Ukrainekrieg sitzt die Industrie auf einem ganzen Berg von Aufträgen. Doch das ist nicht nur eine gute Nachricht.

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          Die deutsche Industrie sitzt einer Umfrage zufolge auf einem rekordhohen Auftragsberg. Auch ohne einen einzigen neuen Auftrag könnte sie noch 4,5 Monate weiter produzieren, wie aus der am Montag veröffentlichten Auswertung der Ifo-Unternehmensumfrage vom April hervorgeht. Bei der vorherigen Umfrage im Januar waren es 4,4 Monate. Zum Vergleich: Im langjährigen Durchschnitt liegt die Auftragsreichweite bei 2,9 Monaten. „Der Zuwachs an Reichweite ist jetzt nur noch gering“, sagte der Leiter der Ifo-Konjunkturprognosen, Timo Wollmershäuser. „Das deutet darauf hin, dass sich der Eingang an neuen Aufträgen allmählich abschwächt.“

          Auch das Statistische Bundesamt hatte zuletzt einen Rekordwert bei der Reichweite gemessen. „Der Auftragsstau spiegelt nicht nur die hohe Nachfrage nach deutschen Industriewaren in den vergangenen Monaten wider, sondern auch die Schwierigkeiten der Unternehmen, die bestehenden Aufträge aufgrund des Mangels an wichtigen Vorprodukten und Rohstoffen zeitnah abzuarbeiten“, erklärte Wollmershäuser. Wegen des russischen Kriegs gegen die Ukraine klagte etwa die Autobranche über einen Mangel an Kabelbäumen.

          Lieferengpässe bereiten Sorgen

          Falls sich die Lieferengpässe in den kommenden Monaten auflösen würden, könnte die Produktion in der deutschen Industrie durchstarten. „Das würde dann die Wirtschaftsleistung kräftig anschieben“, sagte Konjunkturexperte Wollmershäuser. „Allerdings spricht derzeit vieles eher für eine Verschärfung der Lieferengpässe, vor allem als Folge der rigorosen Lockdowns in China, von wo Deutschland zuletzt 15 Prozent seiner importierten Vorprodukte bezog.“ Dort stauen sich etwa vor dem riesigen Handelshafen Schanghai die Containerschiffe, nachdem die Metropole in einen wochenlangen Corona-Lockdown geschickt wurde.

          Besonders groß ist die Auftragsreichweite in der Autoindustrie (Hersteller und Zulieferer) mit 7,4 Monaten. Auch im Maschinenbau (6,5 Monate) und bei den Herstellern von Datenverarbeitungsgeräten (6,3 Monate) ist sie den Ifo-Zahlen zufolge besonders groß. Am kürzesten reichen demnach die Aufträge der Textil-Hersteller mit 1,7 Monaten.

          Großhandelspreise steigen weiter

          Unterdessen haben die deutschen Großhändler ihre Preise im April wegen der wirtschaftlichen Verwerfungen durch den russischen Krieg gegen die Ukraine abermals in Rekordtempo angehoben. Sie stiegen um durchschnittlich 23,8 Prozent zum Vorjahresmonat, wie das Statistische Bundesamt am Montag mitteilte. Ein größeres Plus hat es seit Beginn der Berechnungen 1962 noch nicht gegeben. Im März lag es noch bei 22,6 Prozent, was ebenfalls eine Höchstmarke war. Allein von März auf April zogen die Großhandelspreise um 2,1 Prozent an. „Die Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine auf die Großhandelspreise sind im April 2022 besonders im Großhandel mit Rohstoffen und Energieträgern, aber auch mit verschiedenen Lebensmitteln zu beobachten“, erklärten die Statistiker den Trend. Auch gestörte Lieferketten, etwa durch Corona-Ausbrüche beim wichtigsten deutschen Handelspartner China, machen derzeit viele Waren teurer.

          Die Entwicklung gilt als Indikator für zukünftige Inflationstendenzen, da der Großhandel das Scharnier zwischen Herstellern und Endkunden darstellt und höhere Kosten am Ende zumindest teilweise bei den Konsumenten landen dürften. Die Verbraucherpreise sind im April mit 7,4 Prozent so stark gestiegen wie seit 1981 nicht mehr, da für Energie und Nahrungsmittel deutlich mehr bezahlt werden musste.

          Der rekordhohe Anstieg im Großhandel geht auf stark gestiegene Preise für viele Rohstoffe und Vorprodukte zurück. Mineralölerzeugnisse kosteten im Großhandel 63,4 Prozent mehr als im April 2021. Feste Brennstoffe (plus 70,9 Prozent) sowie Erze, Metalle und Metallhalbzeug (plus 55,7 Prozent) verteuerten sich ebenfalls sehr stark. Erheblich höher waren auch die Preise im Großhandel mit Getreide, Rohtabak, Saatgut und Futtermitteln (+56,3 Prozent) sowie mit chemischen Erzeugnissen (+44,4 Prozent). Im Großhandel mit Milch, Milcherzeugnissen, Eiern, Speiseölen und Nahrungsfetten betrug das Plus 29,7 Prozent.

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