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Studie des DIW : Die Mittelschicht schrumpft

Größere Einkommensunterschiede: Die Mittelschicht wird kleiner Bild: Dieter Rüchel / F.A.Z.

Eine Studie erregt Aufsehen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat berechnet, dass die Einkommensunterschiede wachsen. Doch ein näherer Blick auf die Zahlen zeigt: Anlass zur „Statuspanik“ haben die Deutschen trotzdem nicht.

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          In Deutschland werden die Einkommensunterschiede immer größer: Der Anteil der Mittelschicht an der Bevölkerung ist in den vergangenen zehn Jahren um bis zu 4 Prozentpunkte geschrumpft; die Bevölkerungsteile mit niedrigeren sowie mit höheren Einkommen sind tendenziell gewachsen. Das sind die Ergebnisse einer neuen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, die am Dienstag veröffentlicht wurde.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Es gebe ein Schrumpfen der Mittelschicht, sagte der DIW-Mitarbeiter Jan Goebel. „Dieses Schrumpfen ist zwar nicht exorbitant, was aber besorgniserregend ist, ist dieser langfristige, relativ gleichbleibende Trend.“ Nach den DIW-Zahlen aus dem Sozioökonomischen Panel, einer Langzeitbefragung von rund 11.000 Haushalten in Deutschland, hat sich der Anteil der Mittelschicht seit dem Jahr 2000 von 64 bis auf 60 Prozent der Bevölkerung verringert; im Krisenjahr 2009 gab es allerdings erstmals wieder eine Zunahme auf 61,5 Prozent. Zugleich ist der Anteil der unteren Einkommensschicht seit der Jahrtausendwende von 18 auf 22 Prozent gestiegen. Der Anteil der oberen Einkommensgruppe stieg ebenfalls, in der Krise sank er jedoch wieder etwas auf rund 17 Prozent.

          Warnung vor Abstiegsängsten

          Die DIW-Forscher warnen vor Abstiegsängsten in der Mittelschicht. Sogar von „Statuspanik“ ist in ihrer Studie die Rede. Eine starke Polarisierung der Einkommen in Arme und Reiche gefährde den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft. Goebel kritisierte, dass im geplanten Sparpaket vor allem die unteren Einkommensbereiche von Kürzungen betroffen seien.

          Für ihre Studie haben die DIW-Forscher die Bevölkerung in drei Gruppen eingeteilt. Zur niedrigen Einkommensgruppe zählt, wer inklusive Sozialleistungen weniger als 70 Prozent des mittleren Einkommens (Median) zur Verfügung hat. Diese Schwelle lag nach DIW-Angaben 2005 bei 860 Euro. Zur oberen Einkommensgruppe zählt, wer ein Nettoeinkommen 50 Prozent über dem Median, also von mehr als 1844 Euro bezog.

          Ifo-Präsident: „Statistisches Artefakt“

          Allerdings werden für den Zweck der Studie die Einkommen je nach Haushaltsgröße unterschiedlich berechnet, um „bedarfsgewichtete Äquivalente“ zu erhalten. Der Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn hat diese Methode als „statistisches Artefakt“ kritisiert. Es wird beispielsweise unterstellt, dass zwei Alleinlebende einen um ein Drittel höheren Bedarf haben als ein zusammenlebendes Paar, das etwa die Küche gemeinsam nutzt. Ein Teil der Zunahme der „armutsgefährdeten Personen“ in den Verteilungsstudien geht daher auf die steigende Zahl von Singlehaushalten zurück. „Wegen der Bedarfsgewichtung führt eine verringerte Haushaltsgröße bei gleichem Pro-Kopf-Einkommen rechnerisch zur Verringerung des bedarfsgewichteten Einkommens – und damit zu einem steigenden Anteil armutsgefährdeter und aus der Mittelschicht herausfallender Personen“, moniert Sinn. Bis zu 80 Prozent der „neuen Armut“ gehe auf die Erosion alter Familienstrukturen zurück, die der Sozialstaat sogar gefördert habe.

          Als wichtigste Ursache für die größeren Einkommensunterschiede sehen die Forscher den Arbeitsmarkt und den Druck auf die unteren Lohngruppen. Goebel sagte, dass die Zunahme der Beschäftigung im Aufschwung den Trend zu größeren Einkommensunterschieden und zum Schrumpfen der Mittelschicht vorübergehend gestoppt habe. Erfreulich nennt er, dass die Wirtschaftskrise in Deutschland bislang kaum Spuren in der Armutsstatistik hinterlassen habe, weil die Arbeitslosigkeit kaum gestiegen sei.

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