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Starker Franken : Die Schweiz als sicherer Hafen

  • -Aktualisiert am

Der starke Schweizer Franken spiegelt die Wirtschaftskraft des Landes. Bild: Reuters

Der starke Franken wird der Schweiz zunehmend zur Last. Es zeigt sich, wie abhängig die Eidgenossen vom Euro sind.

          3 Min.

          Der Franken ist stark. Das ist kein Wunder: Der Wechselkurs einer Währung ist immer auch ein Spiegel der Wirtschaftskraft eines Landes. Der Schweiz geht es seit vielen Jahren verhältnismäßig gut. Die Wirtschaft dieser kleinen Republik im Herzen Europas, deren Staatsfinanzen vorbildlich geordnet sind, wächst stärker als im Euroraum; die Arbeitslosenquote ist mit gut 3 Prozent nur halb so hoch wie in Deutschland. Ursache der Franken-Stärke ist aber nicht nur der wirtschaftliche und finanzielle Erfolg der Schweiz, sondern in erheblichem Maß die Schwäche der sie umzingelnden Euroländer. Je mehr das Vertrauen zum Euro (oder zu anderen wichtigen Währungen) sinkt, umso attraktiver wird die Anlage in Schweizer Franken.

          Diese vordergründig beneidenswerte Würdigung als sicherer Hafen, die der Schweizer Währung in vergangenen Kriegs- und Krisenzeiten immer wieder zuteilwurde, hält für die Eidgenossen allerlei Fallstricke bereit. Sie bedingt eine Überbewertung des Franken und gefährdet so die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Denn ein starker Franken verteuert die Exporte und torpediert den Tourismus im eigenen Land. Aus Sorge hierüber ist die Schweizerische Nationalbank (SNB) im September 2011 über ihren ordnungspolitischen Schatten gesprungen und hat einen Mindestkurs von 1,20 Franken je Euro festgelegt. Diese Untergrenze hat sie seither immer wieder mit milliardenschweren Devisenkäufen verteidigt.

          Kurz vor Weihnachten legte die Notenbank noch eine Schippe drauf: Vom 22. Januar an, so kündigte sie an, müssen Geschäftsbanken eine Gebühr von 0,25 Prozent zahlen, sobald ihr Guthaben bei der Zentralbank 10 Millionen Franken übersteigt. Davon dürften vor allem ausländische Banken, die Franken in der Schweiz horten, betroffen sein. SNB-Chef Thomas Jordan begründet den Strafzins mit der Russland-Krise und der Rubel-Schwäche. Diese hat die Flucht in stabilere Währungen befeuert und mithin auch die Nachfrage nach Franken stark erhöht, was den Kurs immer weiter nach oben zu treiben droht.

          Schweiz für Anleger das gelobte Land

          Jordans Griff in den geldpolitischen Giftschrank hat aber auch mit den Plänen der Europäischen Zentralbank (EZB) zu tun. Diese wird vermutlich just am 22. Januar den größten Anleihekauf ihrer Geschichte beschließen und ihre Bilanzsumme um eine Billion Euro ausweiten. Wenn die europäischen Währungshüter den Geldhahn so weit aufdrehen, dürfte dies den Euro weiter schwächen und den Aufwertungsdruck auf den Franken abermals erhöhen.

          Es wird erwartet, dass die Schweizerische Nationalbank den Negativzins dann weiter ins Minus rutschen lässt. Zumal das reformunfähige Griechenland eindrücklich seine Position als größtes Problemkind unter den südeuropäischen Schuldenstaaten verteidigt und damit den Investoren in aller Welt vor Augen führt, auf welch dünnem Eis sich die vereinten „Euro-Retter“ nach wie vor bewegen. Angesichts dieser europäischen Misere bleibt die Schweiz trotz aller Abwehrmaßnahmen für Anleger das gelobte Land.

          So sinnvoll der Mindestkurs zum Schutz der exportstarken heimischen Wirtschaft sein mag, so verständlich es ist, dass die Schweizer wenig Neigung verspüren, über einen flexiblen Wechselkurs unverschuldet zu Leidtragenden der europäischen Fehlsteuerungen gemacht zu werden – jetzt sind die Eidgenossen auf Gedeih und Verderb an die Politik der EZB gebunden. Die Schweiz haftet auch so indirekt mit für die wirtschafts- und finanzpolitischen Verfehlungen in der Eurozone. Das weckt Ingrimm: Wohl nie zuvor waren die Eidgenossen weiter entfernt von einem EU-Beitritt als heute. Vom Euro will in der Schweiz sowieso niemand etwas wissen.

          Manch ein Schweizer mag sich darüber freuen, dass er derzeit sagenhaft günstig Kredit aufnehmen kann. Aber umgekehrt kann er mit seinem Ersparten kaum noch Rendite erzielen. Die lächerlich niedrigen Zinsen für Hypothekendarlehen, die durch die angekündigten Strafzinsen tendenziell noch weiter nach unten gedrückt werden, erhöhen dementsprechend den Anreiz, in Immobilien zu investieren. Für die SNB ist das bitter. Sie warnt seit Jahren vor einer Überhitzung am Schweizer Immobilienmarkt, nun leistet sie nolens volens eigenhändig Beihilfe zur Blasenbildung. Wenn Häuser und Wohnungen in der Schweiz nach dem scheinbar grenzenlosen Preisauftrieb der vergangenen Jahre stark an Wert verlören, drohte ein Abschreibungsgewitter, das einige Banken aus der Kurve tragen könnte.

          Die Schweiz kämpft aber auch mit hausgemachten Schwierigkeiten. Die Volksinitiative „gegen Masseneinwanderung“, die die Eidgenossen im Februar vergangenen Jahres mit knapper Mehrheit angenommen haben, schwebt wie ein Damoklesschwert über der Schweizer Wirtschaft. Die Regierung in Bern muss die Zuwanderung begrenzen, ohne dabei gegen die mit der EU vereinbarten Regeln zur Personenfreizügigkeit zu verstoßen. Gelingt diese Quadratur des Kreises nicht, werden wichtige Verträge, die den wirtschaftlichen Austausch der Schweiz mit den Ländern der EU erheblich erleichtern, hinfällig. Eine stärkere Wachstumsbremse ist kaum vorstellbar. Um den Nimbus der Schweiz als sicherer Hafen stünde es dann schlecht.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

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