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Sparen, Inflation oder Pleite : Wege aus der Schuldenfalle

Im Inflationsjahr 1923 wurde dieser Zwanzig-Millionen-Mark-Schein kurzerhand auf zwei Milliarden aufgewertet Bild: picture-alliance / dpa

Einfach wird der Weg aus der Schuldenfalle nicht. Welche Härten ein Staatsbankrott für die Bürger bringt, zeigt Argentinien. Doch die hohe Staatsverschuldung ist kein Schicksal. Sparprogramme sind der seriöseste, aber schwierigste Weg. Inflation und Staatsbankrott lauten die beliebteren Alternativen.

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          Ach, gäbe es doch nur ein kräftiges Wirtschaftswachstum! Dann ließen sich die meisten wirtschaftlichen Probleme ohne unangenehme Nebenwirkungen meistern. Die Vereinigten Staaten hatten im Zweiten Weltkrieg eine hohe Staatsverschuldung angehäuft. Das kräftige Wirtschaftswachstum in der Nachkriegszeit erleichterte es den Amerikanern, ihre Staatsschulden deutlich zu reduzieren.

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.

          Ein kräftiges Wirtschaftswachstum sehen die Prognosen allerdings gerade für jene Länder und Regionen nicht vor, deren Schuldenlast zur Besorgnis Anlass gibt wie zum Beispiel Südeuropa oder Japan. Generell stehen viele verschuldete Industrienationen vor einem demografischen Wandel, der die Aussichten auf ein starkes und nachhaltiges Wirtschaftswachstum eintrübt. Insofern befinden sich die Industrienationen möglicherweise in der schwierigsten Lage seit den dreißiger Jahren. In der Nachkriegszeit ließ sich bisher immer auf die Rückkehr des Wachstums vertrauen.

          Wirtschaftswachstum ist ein wichtiger, aber nicht der einzige Weg, um mit hoher Staatsverschuldung umzugehen. Manche Strategien lassen sich auch miteinander kombinieren. So ist das kräftige Wirtschaftswachstum in der frühen Nachkriegszeit in vielen Ländern mit einer moderaten Inflation einhergegangen. Geldentwertung lautet eine weitere, aus der Geschichte weit verbreitete Strategie von Regierungen im Umgang mit sehr hohen Staatsschulden. Denn indem eine Regierung für Inflation sorgt, entwertet sie die in ihrer Währung ausgegebenen Staatsschulden.

          Bild: F.A.Z.

          Die Hyperinflation entwertet alle Schulden

          Das bekannteste Beispiel bildet die deutsche Hyperinflation des Jahres 1923: Indem die deutsche Politik die Mark völlig entwertete, beseitigte sie alle auf Mark lautenden Schulden. Hyperinflationen kommen heute nur noch selten vor, ein Beispiel ist Zimbabwe. Gleichwohl ist die Furcht weit verbreitet, die Inflationsraten könnten in den kommenden Jahren zumindest moderat zunehmen. Der Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, Olivier Blanchard, hat kürzlich Inflationsraten um 4 Prozent als ökonomisch angemessen bezeichnet (siehe Geldpolitik: Mehr Inflation wagen). Der amerikanische Ökonom Ken Rogoff hat vorgeschlagen, die Inflationsrate vorübergehend auf 6 Prozent steigen zu lassen.

          Eine aktuelle Untersuchung von zwei Ökonomen der Deka Bank, Karsten Junius und Kristian Tödtmann, zeigt indessen, dass eine leichte Inflationierung dem Staat wenig bringt. Denn mit moderaten Inflationsraten lässt sich die Last hoher Schuldenberge kaum reduzieren. Hinzu kommt, dass die Finanzierung künftiger Staatsschulden teurer wird, da die

          Käufer der Papiere mit Sicherheit höhere Kupons als Ausgleich für die steigenden Inflationsraten verlangen werden. Eine deutliche Reduzierung der Schuldenlast erforderte nach den Berechnungen der beiden Ökonomen der Deka Bank Inflationsraten ab 10 Prozent im Jahr, die allerdings erheblichen Schaden in der Gesamtwirtschaft anrichten würden. Das gesamtwirtschaftlich verträgliche Weginflationieren hoher Staatsschulden ist alles andere als eine leichte Übung. Im Grunde ist sie unmöglich.

          Haushaltsüberschüsse sind selten - aber es gab sie

          Sehr viel besser funktioniert in der Praxis eine Sanierung des Staatshaushalts mit dem Ziel, die laufenden Defizite zurückzufahren und idealerweise Haushaltsüberschüsse zu erzielen. Dann bestehen gute Chancen, auch die Gesamtverschuldung zu reduzieren. Beispiele finden sich unter anderem auch in Europa, etwa in den achtziger Jahren in Dänemark sowie in den neunziger Jahren in Schweden und den Niederlanden. Mit Unterstützung des Internationalen Währungsfonds werden solche Programme derzeit in mehreren osteuropäischen Ländern implementiert. Gegenwärtig bemüht sich auch Griechenland um eine derartige Politik.

          Sparpolitik besitzt drei Eigenarten. Zum einen ist sie bei vielen Regierungen und Bevölkerungen unpopulär und wird häufig erst dann angepackt, wenn die Verschuldung eines Landes unerträglich geworden ist. Zum zweiten benötigt eine Haushaltssanierung einen langen Atem. Die gegenwärtigen Staatsschuldenberge wurden innerhalb mehrerer Jahrzehnte aufgebaut. Wer sie auf solide Weise abbauen will, muss einen langen Weg gehen.

          Drittens kann eine Politik der Haushaltssanierung langfristig durchaus Potential für zusätzliches Wirtschaftswachstum generieren. Kurzfristig gehen Sparpakete aber nicht selten mit einem rückläufigen Wirtschaftswachstum einher. So erwartet die griechische Regierung in diesem Jahr ein bescheidenes Wachstum, während Prognosen von Ökonomen eine Rezession mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 3 bis 4 Prozent erwarten lassen. Solche Einbußen sind geneigt, die Unterstützung einer Sanierungspolitik durch eine Bevölkerung schwinden zu lassen. Diese Einbußen müssen aber toleriert werden.

          Neben Schulden besitzen Staaten auch Vermögen

          In der öffentlichen Diskussion wird ein weiterer Weg zur Schuldenreduzierung selten erwähnt: Das sind Privatisierungen von Staatsvermögen. Gelegentlich scheint in Vergessenheit zu geraten, dass auch die Bilanz des Staates aus zwei Seiten besteht: Neben Schulden besitzen Staaten Vermögen verschiedenster Art wie Unternehmen, Immobilien, Wälder, Grund und Boden sowie Infrastruktur. Privatisierungen können einen Beitrag zum Abbau von Staatsschulden leisten.

          Unterschätzt werden gelegentlich die Kosten von Abwertungen der eigenen Währung für die Staatsverschuldung. Wertänderungen der eigenen Währung gegenüber anderen Währungen spielen keine Rolle, wenn die Staatsverschuldung, wie zum Beispiel in Japan, nahezu vollständig von Inländern gehalten wird. Befinden sich die Staatsschulden zu einem erheblichen Teil im Ausland, hängt es davon ab, auf welche Währung die Schulden lauten.

          Hat sich ein Land in einer Fremdwährung verschuldet, nimmt die Last der Staatsschulden nach einer Abwertung der eigenen Währung sogar noch zu, weil die Schulden in der nun teureren Fremdwährung zurückgezahlt werden müssen. Dieser Effekt stellte sich ein, wenn Griechenland die Drachme einführte und gegenüber dem Euro abwertete, seine auf Euro lautenden Staatsschulden aber weiter in Euro zurückzahlen müsste. In diesem Falle würde die ohnehin schon drückende Schuldenlast für Griechenland auf einen Schlag noch viel schwerer.

          Unproblematischer sieht es auf den ersten Blick aus, wenn ein Land, dass seine Schulden in der eigenen Währung aufgenommen hat, seine Währung abwertet. Ein Beispiel wäre Großbritannien. Das Problem ist jedoch, dass Anleger aus Ländern mit einer nun stärkeren Währung Wechselkursverluste auf ihre Anleihen erlitten haben. Diese Anleger werden möglicherweise künftig höhere Renditen als Ausgleich für das Wechselkursrisiko fordern. Frankfurter Bankökonomen vermuten, dass Griechenland im Falle einer Rückkehr zur Drachme für neue Drachmenanleihen zweistellige Renditen bieten müsste.

          Wenn alles andere nichts hilft, bleibt nur die Insolvenz. Sie gilt als ein Schreckgespenst; tatsächlich aber ist die Geschichte voller Staatsbankrotte, die meist ohne fürchterliche Folgen verlaufen sind. Denn in den seltensten Fällen muss der Wert von Staatsanleihen im Falle einer Insolvenz von 100 auf null Prozent abgeschrieben werden. Oft hilft es einem Land schon, wenn es lediglich für ein paar Jahre von der Zahlung von Zinsen auf seine Anleihen befreit wird. Als Kenner der Geschichte ist Rogoff davon überzeugt, dass derartige Fälle in den kommenden Jahren auftreten werden.

          Dreizehn Staatsbankrotte in Folge

          - Der Staatsbankrott war in der Geschichte häufig der leichteste Ausweg für Regierungen. Den Rekord hält Spanien mit 13 Staatsbankrotten bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Demgegenüber haben Länder wie Australien, Neuseeland, Kanada und Dänemark ihre Gläubiger niemals enttäuscht.

          - Entschuldung durch Inflationierung ist in der Finanzgeschichte ebenfalls sehr verbreitet gewesen. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich überwiegend Länder in Lateinamerika und Afrika dieser Strategie bedient.

          - Eine entschlossene Haushaltssanierung wurde in jüngerer Zeit unter anderem in Kanada, Schweden, den Niederlanden und in Dänemark betrieben. Haushaltssanierung muss sich nicht auf Ausgabendisziplin beschränken. Gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern, aber auch in Griechenland kann der Staat durch ein leistungsfähiges Steuersystem zudem seine Einnahmen verbessern.

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