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„The Job of My Life“ : Wie Deutschland jungen Spaniern die Hoffnung nimmt

Via Internet: So lockte die Bundesagentur für Arbeit Spanier nach Rostock Bild: Screenshot

Die Bundesregierung hat Jugendliche aus den europäischen Krisenländern zur Ausbildung eingeladen. Nun sind viele ohne Förderung gestrandet. Wie konnte es dazu kommen?

          2 Min.

          Die Bundesregierung hatte es als Hilfsangebot für ausbildungswillige Jugendliche aus den europäischen Krisenländern angekündigt – doch für etliche motivierte junge Leute etwa aus Spanien entwickelt es sich allmählich zum Albtraum: Sie haben in der Heimat Deutschkurse besucht; sind nach Deutschland gereist, machen ein Praktikum in einem hiesigen Unternehmen sowie vertiefende Sprachkurse und haben eine Lehrstelle in Aussicht – sofern die Vorbereitung klappt.

          Dietrich Creutzburg
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Doch weil der Bundesregierung plötzlich das Fördergeld ausgegangen ist, sitzen sie nun zum Beispiel in Rostock und wissen nicht, wie es weitergeht. Außer von 200 Euro Praktikumshonorar müssen sie fernab der Heimat vom Wohlwollen der örtlichen Beteiligten leben.

          Die Rede ist von einem Förderangebot, das die Bundesregierung unter dem Titel „The Job of My Life“ bewerben lässt und das demonstrieren soll, dass Deutschland in Europa nicht nur Sparkommissar ist, sondern mit seinem Ausbildungssystem konkrete Hilfe für arbeitslose Jugendliche leistet. Nebenbei soll das Programm (amtlicher Titel: MobiPro-EU) angesichts des Fachkräftemangels hierzulande ein Zeichen setzen, dass Deutschland ein attraktives Ziel für motivierte Arbeitskräfte sei.

          Nicht nur die Neueinsteiger

          „Das Tohuwabohu ist einfach grenzenlos“, beschreibt Peter Pedersen die Realität. Er ist Geschäftsführer der Rostocker Hotelschule HBWR, bei der sich derzeit mehr als 40 junge Europäer mit Praktika und Kursen auf eine Lehre als Köche, Hotel- und Restaurantfachleute vorbereiten. Da aber die Fördermittel von bundesweit 48 Millionen Euro für das Jahr 2014 schon aufgebraucht sind, gibt es für sie derzeit keine Hilfe: keinen Zuschuss von 618 Euro monatlich zum Lebensunterhalt, keine Übernahme von Reisekosten und Kursgebühr. Von ähnlichen Problemen berichten andere Bildungsträger, etwa das Kolpingwerk.

          Womöglich waren die ganzen Hoffnungen dieser Jugendlichen auf eine Lehre in Deutschland vergebens, ebenso die persönlichen und finanziellen Vorleistungen, die sie auf sich genommen haben – auf Einladung der Bundesregierung. Alle neuen Förderanträge seien vorerst „ruhend gestellt“, teilt die zuständige Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) auf der Internetseite mit. Dass das Förderbudget für den vorgesehenen Zweck zu knapp bemessen ist, hatte die Regierung zwar, wie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung scho berichtet, schon bemerkt und es im März sogar kurzfristig um 15 Millionen Euro erweitert. Nun erhält der ohnehin peinliche Vorgang aber neue Brisanz: Nach offizieller Darstellung sollte zumindest stets gewährleistet sein, dass Jugendliche, die schon Kurse besucht haben, nicht plötzlich auf dem Trockenen sitzen. Das ist aber offenkundig nicht der Fall – wie das Beispiel aus Rostock zeigt. Das Programm war im Jahr 2013 aufgelegt worden, als die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Europa noch im Mittelpunkt der politischen Debatten stand; die damalige Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) machte auf einer Spanien-Reise eigens Reklame für das Programm „MobiPro“.

          Ein internationaler Gipfel gegen Jugendarbeitslosigkeit, veranstaltet im Kanzleramt von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), unterstrich die Ernsthaftigkeit, mit der sich Deutschland des Themas annehmen wollte. Ursache des nun von Deutschland verhängten Förderstopps ist zum einen, dass die Zahl der interessierten Jugendlichen, gut 4.000 bis Ende 2013, höher war als kalkuliert. Zum anderen erschwerte die späte Verabschiedung des Bundeshaushalts 2014 eine Lockerung des Budgets.

          Auch Wolfgang Gelhard, Geschäftsführer des Kolping-Bildungswerks Paderborn, das eigentlich 16 Griechen und 41 Spanier auf dem Weg in eine Ausbildung begleiten möchte, ist bestürzt über die Realität von „MobiPro“. Auf der Suche nach politischer Hilfe hat er sich unter anderem an die Grünen-Arbeitsmarktexpertin Brigitte Pothmer gewandt. Es schließt seinen Brief mit einer bitteren Feststellung: „Das verspielte Vertrauen wird bei den ausländischen Partnern nicht wiederhergestellt werden können.“

          Politiker von Union und SPD hatten „MobiPro“ kürzlich im Bundestag als Erfolg gefeiert. Pothmer nennt den Vorgang „skandalös“ und malt die möglichen Folgen jenes deutschen „Hilfsangebots“ aus: „Wenn das Geld nicht bald fließt, werden die jungen Leute mit riesigen Schuldenbergen und ohne Ausbildung wieder in die Heimat fliegen müssen.“

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