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Spaniens Bildungsminister José Ignacio Wert : „Ein duales System für Spanien“

  • Aktualisiert am

José Ignacio Wert Bild: dpa

Das Bildungssystem des tief in der Krise steckenden Landes ist in vielerlei Hinsicht reformbedürftig, findet der zuständige Minister. Deutschland könnte dabei die Rolle des Sherpa spielen.

          3 Min.

          Herr Minister, in Spanien, so sagt die Statistik, ist einer von zwei Jugendlichen zwischen 18 und 24 Jahren arbeitslos. Stimmt diese Zahl, und wäre die Einführung des „deutschen Modells“ bei der Berufsausbildung eine Lösung?

          Es ist eine reale Zahl. Man muss sie aber interpretieren können. Sie hat eine gute und eine schlechte Seite. Die gute ist, dass immer weniger Jugendliche unter 25 Jahren Teil der aktiven Erwerbstätigen sind, weil immer mehr noch in der Ausbildung stehen. Die Arbeitslosigkeit von gegenwärtig 52 Prozent betrifft rund 800.000 junge Leute. Das Schlechte ist, dass die meisten davon nur eine sehr niedrige Qualifikation haben. Und für sie gibt es immer weniger Arbeitsplätze wie zum Beispiel nach dem Platzen der Immobilienblase auf dem Bau.

          Hier könnte also die Einführung des „dualen Systems“ helfen?

          Wir sind uns sehr bewusst, dass das deutsche System der Berufsausbildung viel mit der niedrigen Arbeitslosenrate in Ihrem Land zu tun hat. Wir sind uns aber ebenfalls bewusst, dass man es nicht einfach von heute auf morgen kopieren kann. Denn es hat viel mit der Produktions- und Industriestruktur Deutschlands und dem Verhalten seiner Unternehmen zu tun. Wir müssen nun erst einmal eines tun: ein spanisches Modell erarbeiten, das sich an unseren Strukturen orientiert und zum Beispiel die Qualifikationen im wichtigen Tourismussektor erhöht.

          Sie reisen nach Stuttgart, um mit Kultusministerin Annette Schavan über dieses Thema zu sprechen und das Ausbildungszentrum von Mercedes-Benz zu besuchen. Was versprechen Sie sich davon?

          Die Absicht ist eine doppelte. Von der institutionellen Zusammenarbeit her gesehen, streben wir ein Memorandum of Understanding an, um an den deutschen Erfahrungen teilzuhaben. Uns interessieren das Knowhow und die guten Praktiken des dualen Systems. Darüber hinaus wollen wir aus erster Hand bei Mercedes-Benz konkrete Beispiele kennenlernen. Wir möchten, dass Deutschland bei diesem Abenteuer Berufsausbildung unser Sherpa ist.

          Hat Spanien in dieser schweren Wirtschaftskrise denn die Lehrer, Schulen und Mittel, die es für die Schaffung eines „spanischen Modells“ braucht?

          Wir haben bei der Berufsausbildung zurzeit zwei Hauptprobleme: Sie hat ein sehr schlechtes gesellschaftliches Ansehen und ist darüber hinaus antiquiert. Außerdem, dies ist eine dritte Schwäche, fehlt es an Durchlässigkeit. Das System ist sehr verschlossen und hat wenig Anziehungskraft. Deshalb versuchen die meisten, den Weg zum Berufsleben über das Abitur zu gehen. Wir haben 1,5 Millionen Studenten und nur rund 270000 Berufsschüler. Letztere machen wiederum zu 80 Prozent Theorie und nur zu 20Prozent Praktika. Das muss sich schrittweise durch ein duales System ändern, auch wenn es teuer wird.

          Ignorieren viele junge Spanier den wirklichen Bedarf am Arbeitsmarkt? Gibt es zu viele Ägyptologen und Journalisten und zu wenig Ingenieure und Klempner?

          Genau die Hälfte des heutigen Angebots an Studienplätzen in den Universitäten gilt Sozialwissenschaftlern und Juristen. Das heißt, wir produzieren etwa 1000 Prozent mehr, als der Markt nachfragt. Dagegen fehlt es an qualifizierten Bewerbern bei technischen Berufen oder auch im Gesundheitswesen. Wir haben außerdem einigen Bereichen Universitätsrang gegeben, die eigentlich in die Berufsausbildung gehörten, wie zum Beispiel Krankenpfleger.

          Dann gibt es unter den spanischen Jugendlichen noch die „Ninis“, die weder arbeiten noch lernen. Wie viele sind das?

          Praktisch eine Million.

          Wäre es da übertrieben, schon von einer verlorenen Generation zu sprechen?

          Leider nicht. Es ist zumindest keine Übertreibung, auf dieses Risiko hinzuweisen. Der Grund ist einfach. In den Wachstumsjahren gab es vor allem wegen der vielen Arbeitsplätze auf dem Bau enorm viele Schulabbrecher. Noch im Jahr 2007 waren es 32 Prozent. Inzwischen ist die Zahl etwas zurückgegangen auf 26 Prozent. Es sind aber viele junge Leute, die eigentlich nur Steine klopfen gelernt haben, auf der Strecke geblieben. Und nun sind sie schon so lange außerhalb des Arbeitsprozesses, dass eine Rückkehr sehr schwierig geworden ist. Also müssen wir hier an neue Formen der Erwachsenenbildung denken.

          Spürt Spanien schon die Talentflucht? Im letzten Jahr emigrierten allein 29000 Jugendliche nach Deutschland.

          Ja, aber ich glaube, dass dieses Phänomen auch eine positive Seite hat. Wenn wir den Jugendlichen, die jetzt zum Beispiel in Deutschland eine Arbeit gefunden haben, zu Hause wieder Chancen bieten können, werden sie zurückkommen. Für mich sind Mobilität und Anpassungsfähigkeit bei Jugendlichen eine gute Sache.

          Hapert es nicht oft vor allem an den nötigen Sprachkenntnissen?

          Das ist ein schwarzes Loch und ein großes Problem, welches wir mit unserer Bildungsreform anpacken wollen. Es hat historische Gründe. In Spanien hat man auf das Erlernen von Fremdsprachen nie besonders großen Wert gelegt, auch wegen der Bedeutung des Spanischen selbst, einer Sprache, die von mehr als vierhundert Millionen Menschen gesprochen wird. So stehen wir in allen internationalen Vergleichen, etwa bei den Englischkenntnissen, sehr schlecht da und müssen auch hier etwas tun.

          Gibt es auch Stärken im spanischen Bildungswesen?

          Sie sind vor allem an der quantitativen Entwicklung in den vergangenen drei Jahrzehnten abzulesen. Wir haben zum Beispiel eine Einschulungsquote von 100 Prozent angefangen bei den Dreijährigen im Kindergarten und das geht in den Schulen so weiter, bis sie sechzehn sind. Das haben nur wenige Länder. Auch bei der Hochschulausbildung sind die Zahlen eindrucksvoll. Als Franco im Jahr 1975 starb, gab es gerade einmal 200 000 Studenten. Jetzt ist es mehr als das Siebenfache. Dieser Wandel ist spektakulär.

          Das Gespräch führte Leo Wieland.

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