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25 Prozent Arbeistlosigkeit : Spaniens Jugendliche wollen in den Staatsdienst

  • -Aktualisiert am

Bitte kaufen: Ein Metzger in seinem Laden in Madrid Bild: dapd

Die spanische Regierung vereinfacht durch ein neues Gesetz die Eröffnung von kleinen Unternehmen. Die meisten Jugendlichen wollen jedoch lieber im Staatsdienst ein sicheres Gehalt verdienen.

          3 Min.

          Gründerzeiten sind im Krisenspanien wahrlich noch nicht in Sicht. Dabei versucht die Regierung unter Ministerpräsident Mariano Rajoy jetzt durch ein neues Gesetz insbesondere Kleinunternehmern Anreize zu bieten. Sie denkt dabei nicht nur an die arbeitslosen 25 Prozent aller Erwerbsfähigen und die nahezu 2 Millionen Familien, in denen inzwischen kein einziges Mitglied mehr eine feste Anstellung hat. Im Blickpunkt stehen vor allem die Jugendlichen zwischen 18 und 25 Jahren, unter denen besonders viele ohne Arbeit sind.

          Mit dem neuen Gesetz, das „Expressgenehmigungen“ für die Eröffnung von Läden, Handwerkswerksbetrieben und anderen Unternehmungen auf einer Fläche von weniger als 300 Quadratmetern vorsieht, will die Regierung nach den Worten der stellvertretenden Ministerpräsidentin Soraya Sáenz de Santamaría im vierten Krisenjahr endgültig Entrepreneurs „den roten Teppich ausrollen“. Schuster, Frisöre, Optiker, Buchhändler, Reisebüros oder Lebensmittelgeschäfte - ausgenommen sind Bars, Restaurants und Diskotheken - brauchen fortan nur noch zu erklären, dass sie die Bestimmung erfüllen und können dann sofort anfangen.

          80.000 Bewerbungen auf 400 Stellen

          Der Papierkrieg mit einem Strauß verlangter Genehmigungen, die kleine Unternehmer oft ein Jahr oder noch länger an der Eröffnung eines neuen Betrieb hinderte, soll durch die Expresslizenzen ersetzt werden. Geprüft wird dann erst hinterher. Von dieser Liberalisierung verspricht sich die Regierung zu einem Zeitpunkt, da in Spanien noch immer mehr Geschäfte wegen Konsumrückgangs und Kapitalmangels schließen als öffnen, neue Impulse für den Arbeitsmarkt und die Wettbewerbsfähigkeit. Es soll das allgemeine Geschäftsklima - Spanien steht in der jüngsten Weltbankliste der wirtschaftsfreundlichen Länder nur an 133. Stelle von insgesamt 183 analysierten Staaten - verbessern. Zudem will sie vor allem arbeitslosen Akademikern mit Ideen und Initiative neue Möglichkeiten bieten.

          Die meisten spanischen Jugendlichen wollen jedoch lieber in den Staatsdienst. Zwei Drittel, ob gut oder schlecht ausgebildet, geben den öffentlichen Dienst wegen der stabilen Bezahlung, sicheren Arbeitsplätze, flexiblen Zeiten und moderaten Anforderungen als Präferenz an. Als vor kurzem im Baskenland, wo die Arbeitslosigkeit sowohl allgemein als auch bei Jugendlichen nur etwa halb so hoch ist wie im restlichen Spanien, 400 Stellen im Gesundheitswesen ausgeschrieben wurden, gingen binnen Stunden mehr als 80.000 Bewerbungen ein.

          Doch der Zwang zur Eindämmung der Haushaltsdefizite im Bund, den Regionen und Kommunen zwingt die spanischen Behörden zu Personalabbau und Gehaltskürzungen. Das hat von Frühpensionierungen bis zu nicht mehr ersetzten Stellen schon deutliche Konsequenzen gezeitigt. Bei sieben der zehn größten Arbeitgebern des Landes, darunter der Armee, Polizei, Post und der Gesundheitsdienste, sind die Jobangebote bereits geschrumpft. Nur die drei Privaten, darunter die Kaufhauskette Corte Inglés und die Supermarktkette Mercadona, stellen noch sparsam ein - zu bescheidenen Gehältern. Ein Verkäufer mit einem Monatslohn von rund 1000 Euro kann sich schon glücklich schätzen.

          Gute Bezahlung auch für einfache Handlanger

          Das Problem der jungen Spanier ist, dass sie entweder - am Markt vorbei - „zu gut“ ausgebildet sind oder gar nicht. 40 Prozent der Jugendlichen zwischen 25 und 34 Jahren haben zum Beispiel einen Universitätsabschluss, der ihnen mangels Nachfrage nicht selten nur eine Beschäftigung als Hausmeister, zuweilen in der alten Alma Mater, eingetragen hat. Mit seiner Jungakademikerquote liegt Spanien deutlich über dem Durchschnitt der Europäischen Union von 34 Prozent.

          Die Kehrseite sind die „Ninis“. Das sind die junge Erwachsene bis 25 Jahre, die weder arbeiten noch lernen. Jeder vierte dieser jungen Spanier lebt inzwischen noch oder wieder bei den Eltern, ohne selbst eine Beschäftigung zu suchen oder die Zeit für Fortbildungskurse oder das Erlernen eines Berufs zu nutzen. Sie setzen auf das Taschengeld der Eltern und deren Beziehungen, vielleicht doch noch irgendwann mit Hilfe eines „Amigos“ irgendwo unterzuschlüpfen.

          Die „Ninis“ sind zu einem guten Teil die junge „Konkursmasse“ der geplatzten Immobilienblase. Auf dem Bau gab es jahrelang Arbeit bei guter Bezahlung auch für einfache Handlanger. Sie waren dann die Ersten, denen vom Jahr 2008 an gekündigt wurde. Viele haben seitdem das ihnen zustehende Arbeitslosengeld und auch die Sozialhilfe ausgeschöpft, ohne etwas Neues zu finden. Mit 820.000 Jugendlichen, die weder arbeiten noch sich ausbilden lassen, liegt Spanien hinter Bulgarien, Italien und Griechenland in der europäischen Spitzengruppe.

          Während die Jugendlichen mit den besten Qualifikationen zunehmend ins Ausland abwandern, oder - da die Sprachbarriere hemmt - es immerhin erwägen, stoßen erst seit diesem Jahr die Ausbildungsofferten des Staates und einiger Großunternehmen auf verstärktes Interesse. Die Regierung plant derweil, die ganze Berufsausbildung des Landes nach dem Vorbild des deutschen „dualen Systems“ zu reformieren. Weil dafür aber Investitionen und geeignetes Lehrpersonal gebraucht werden, ist, bei leeren Staatskassen, hier erst mittelfristig mit ersten Erfolgen zu rechnen.

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