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Sonntagsökonom : Gen Osten - den hiesigen Jobs zuliebe

„Herr A et al.” Bild: F.A.Z.

Als vaterlandslose Gesellen kanzeln Sozialdemokraten gerne die Unternehmen ab, die Produktionsstätten im Ausland aufbauen. Doch Unternehmen wandern aus und sichern dadurch Arbeit in Deutschland.

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          Als vaterlandslose Gesellen kanzeln Sozialdemokraten gerne die Unternehmen ab, die Produktionsstätten außerhalb Deutschlands aufbauen. Der Kanzler greift mit dieser Pauschalverurteilung die Ängste auf, daß mit der Erweiterung der Europäischen Union immer mehr Arbeitsplätze gen Osten verlorengingen. Gut ausgebildete Arbeitskräfte zu niedrigen Löhnen - gegen dieses Erfolgsrezept scheint Deutschland schließlich machtlos.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Darin gründen die populistischen Attacken, die alle volkswirtschaftliche Erkenntnis auf den Kopf stellen. Denn daß Freihandel und die Integration der Märkte für Kapital und Arbeit den Wohlstand aller erhöhen, ist unter Ökonomen Allgemeingut.

          Fakten könnten überzeugen

          Wie aber deutlich machen, daß die Ost-Erweiterung nicht den Untergang der deutschen Wirtschaft bedeutet? Fakten könnten überzeugen. Zahlen über den "Export von Arbeitsplätzen" liegen nicht vor, heißt es. Das stimmt nicht ganz. Man frage die Ökonomin Dalia Marin von der Universität München. Diese hat 2200 Investitionsprojekte von 660 deutschen und österreichischen Unternehmen untersucht, die zwischen 1990 und 2001 in Osteuropa getätigt wurden. Gemessen am Wert, deckt die Umfrage 80 Prozent aller deutschen und 100 Prozent aller österreichischen Direktinvestitionen in Osteuropa ab.

          Deutsche Unternehmen haben danach in den elf Jahren durch den Aufbau von Produktionsstätten im Osten 460.000 Stellen geschaffen. Dem stehen 90.000 Arbeitsplätze entgegen, die in Deutschland verlorengingen. Österreichische Firmen schufen 202.000 Stellen in Osteuropa, bei einem Verlust von 22.000 Stellen in Österreich. Diese Rechnung ist einfach, sie berücksichtigt nicht die Anpassungsreaktionen auf den Arbeitsmärkten. Insoweit gibt sie eine Obergrenze wieder - die überraschend niedrig ist.

          Die Arbeitsplatzverluste durch die Verlagerung von Produktionsstätten addierten sich über elf Jahre auf 0,3 Prozent der beschäftigten Arbeitnehmer in Deutschland und auf 0,7 Prozent in Österreich. Solche Zahlen sind kein Anlaß, wegen der EU-Erweiterung in Panik zu verfallen. Das zeigt auch ein Blick auf die Beschäftigungsentwicklung. Von 1997 bis 2001 wurden in Deutschland 1.543.000 neue Stellen geschaffen. 2002, im Jahr nach dem Internet-Boom und im Jahr der einbrechenden Konjunktur, wurden allein 254.000 Stellen gestrichen. Ein Minus von 90.000 Stellen über elf Jahre nimmt sich da bescheiden aus.

          Deutsches Problem liegt anderswo

          Sicher ist: Das Problem des deutschen Arbeitsmarktes liegt nicht im Jobexport gen Osten, sondern anderswo: im schwachen Wirtschaftswachstum und in der Vermachtung des Arbeitsmarktes durch Arbeitgeber und Gewerkschaften.
          Für die geringen Arbeitsplatzverluste durch die Integration Osteuropas in die westeuropäische Wirtschaft gibt es einen Grund: Dank der niedrigeren Lohnkosten bleiben hiesige Unternehmen wettbewerbsfähig. Marin berechnet, daß eine Senkung der Löhne um weitere zehn Prozent in den osteuropäischen Werkstätten nicht dazu führt, daß im Westen mehr Stellen abgebaut werden. Im Gegenteil: Die Arbeitsnachfrage der hiesigen Unternehmen steigt sogar um 1,6 Prozent.

          Deutlich wird so, daß der Jobexport dazu beiträgt, Arbeitsplätze in Deutschland zu erhalten. Mit der Verlagerung von Produktionsstufen in die Beitrittsländer können die Unternehmen zwischen 65 und 80 Prozent der Arbeitskosten einsparen.

          Ein drittes überraschendes Ergebnis

          Die Studie zeigt ein drittes überraschendes Ergebnis. Die deutschen Direktinvestoren in Osteuropa beschäftigen dort überdurchschnittlich viele gut ausgebildete Mitarbeiter. Sie verlagern hochqualifizierte Tätigkeiten in Forschung und Entwicklung nach außen. Das läßt nur einen Schluß zu. Die Ausstattung der deutschen Volkswirtschaft mit hochqualifiziertem Personal läßt zu wünschen übrig. Die Unternehmen gehen gen Osten, weil sie gut ausgebildete Menschen hierzulande nicht mehr in hinreichender Zahl finden. Das wirft ein Schlaglicht auf die Debatte über die Freizügigkeit der künftigen EU-Osteuropäer: Wer die Forschungslabore weiterhin aus Deutschland vertreiben will, der muß den hochqualifizierten Arbeitnehmern aus dem Osten nur verbieten, hierzulande zu arbeiten.

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