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Corona-Sondergutachten : „Wirtschaftsweise“ halten Rezession für unvermeidbar

Auch die „Wirtschaftsweisen“ rechen mit einem deutlichen Rückgang der Wirtschaftsleistung in diesem Jahr. Bild: dpa

Der Wirtschafts-Sachverständigenrat geht davon aus, dass die Corona-Krise massive Folgen haben wird. Für „Corona-Bonds“ und eine Vergemeinschaftung der Schulden plädiert der Rat nicht.

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          Beispielloser Einbruch, aber kein völliger Absturz: Das wichtigste wirtschaftspolitische Beratergremium der Bundesregierung erwartet wegen der Corona-Pandemie einen deutlichen Rückgang der Wirtschaftsleistung, bleibt aber deutlich optimistischer als andere Ökonomen.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das teilte der auch „Wirtschaftsweisen“ genannte Sachverständigenrat am Montag anlässlich der Veröffentlichung eines 111-seitigen Sondergutachtens mit. Einschätzungen wie jener des Münchner Ifo-Instituts, wonach das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr um bis zu 20 Prozent schrumpften könnte, wollte sich der nach dem Abgang von Isabel Schnabel und Christoph Schmidt derzeit dreiköpfige Rat nicht anschließen.

          Die Auswirkungen des Corona-Schocks auf die deutsche Wirtschaft skizzieren Lars Feld, Achim Truger und Volker Wieland in ihrem Gutachten in drei Szenarien: Allen dreien ist gemein, dass die Krise die sich abzeichnende konjunkturelle Erholung – die Januar-Werte für Produktion, Umsätze und Auftragseingang in der Industrie hätten für das erste Quartal 2020 auf ein kräftiges Wachstum hingedeutet – „abrupt“ unterbrochen habe und eine Rezession im ersten Halbjahr nun „nicht zu vermeiden sein wird“.

          Im ersten und zugleich wahrscheinlichsten „Basisszenario“ rechnen die Gutachter mit einem BIP-Rückgang von 2,8 Prozent in diesem Jahr. Dieses trete ein, wenn die Maßnahmen zur Eindämmung der Virus-Epidemie rasch griffen und sich die wirtschaftspolitische Lage über den Sommer wieder normalisiere. Für das Jahr 2021 gehen sie dann von einem ordentlichen Plus von 3,7 Prozent aus.

          Erholung deutlich verzögern

          Sollte es allerdings zu großflächigen Produktions-Stillegungen kommen oder sollte die gegenwärtige Stilllegung sämtlicher Aktivitäten länger als derzeit geplant aufrechterhalten werden, sei – wenig verwunderlich – mit einem deutlich herberen Einbruch der Wirtschaftsleistung zu rechnen. Im Risikoszenario erwarten die „Wirtschaftsweisen“ einen BIP-Rückgang von 5,4 Prozent in diesem Jahr.

          In diesem Fall könne die Entwicklung der Wirtschaftsleistung in Form einer V-Kurve beschrieben werden und dürfte diese im nun beginnenden zweiten Quartal um 10 Prozent unter das derzeitige Niveau einbrechen. Immerhin sei dann aber von einer regelrechten Aufholjagd und einem BIP-Plus von 4,9 Prozent im kommenden Jahr auszugehen.

          Doch halten es die „Wirtschaftsweisen“ auch nicht für ausgeschlossen, dass die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus über den Sommer hinaus andauern könnten, sprich Gaststätten und Einzelhändler auch noch im Frühherbst geschlossen haben müssten. Das könnte eine wirtschaftliche Erholung dann deutlich verzögern und führe zu einer BIP-Entwicklung in Form eines langen U. „In diesem Risikoszenario könnten die getroffenen Politikmaßnahmen womöglich nicht ausreichen, tiefgreifende Beeinträchtigungen der Wirtschaftsstruktur durch Insolvenzen und Entlassungen zu verhindern“, schreiben Feld, Truger und Wieland.

          Eine breite Palette an Möglichkeiten

          Verschlechterte Finanzierungsbedingungen sowie die gestiegene und verfestigte Unsicherheit könnten zudem Investitionen bremsen und zur Kaufzurückhaltung bei Haushalten führen. Zudem drohten in einem solchen Szenario negative Rückkopplungen über die Finanzmärkte oder das Bankensystem. Die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr bräche in diesem dritten Szenario um 4,5 Prozent ein und würde auch im kommenden Jahr nur sehr langsam um 1,0 Prozent zulegen.

          In diesem Fall sollten auch Staatsbeteiligungen eine Option sein, um das Überleben „von ausgewählten Unternehmen“ zu sichern, heißt es in dem Gutachten weiter. Dabei sei indes sicherzustellen, dass diese Beteiligungen nur temporär vorgenommen werden, Bund oder Länder also von vornherein ein Ausstiegsszenario bereithielten. Auch fiskalische Nachfrageimpulse, die die Einkommen von Haushalten und Unternehmen erhöhen und so zu einer schnelleren Erholung beitragen, wären in diesem Szenario zu prüfen. Mit einem größeren Investitionsprogramm, Unternehmensteuersenkungen oder einer Abschaffung des Solidaritätszuschlags beispielsweise gebe es eine breite Palette an Möglichkeiten, der Wirtschaft unter die Arme zu greifen.

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