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Schweinegrippe : Das Virus für die Konjunktur

Online-Notdienst des NHS brach unter dem Ansturm der Interessenten zusammen Bild: dpa

Großbritannien ist besonders von der Schweinegrippe betroffen. Erste Auswirkungen auf das wirtschaftliche Leben werden sichtbar. Deutsche Unternehmen sehen sich gewappnet. Eine Pandemie könnte die Wirtschaft weiter schwächen - die Furcht nimmt zu.

          „Sorry“, sagt die Verkäuferin im Drogeriemarkt, „wir haben keine Atemschutzmasken mehr da. Die sind gerade sehr gefragt.“ Die Filiale gleich um die Ecke von Covent Garden in der Londoner Innenstadt wartet auf Nachschub. Am nächsten Tag gegen Nachmittag soll er da sein, sagt die Kassiererin vage. „Vielleicht nehmen Sie stattdessen erst einmal ein Desinfektionsgel für die Hände? Das benutzen jetzt viele Leute, wenn sie zum Beispiel U-Bahn gefahren sind.“ Auch das Regal mit den Desinfektionsmitteln sieht ziemlich geplündert aus. Zwei Fläschchen sind noch da.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Nirgendwo in Europa zieht die Schweinegrippe derzeit größere Kreise als in Großbritannien. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums sind auf der Insel allein in dieser Woche rund 100.000 Patienten vom Grippevirus H1N1 befallen worden - fast doppelt so viele wie in der Vorwoche. Rund 30 Menschen sind bisher an den Folgen der Krankheit gestorben. Und das ist nur der Anfang. Das H1N1-Virus scheint zwar nach den bisherigen Erkenntnissen eher selten zu Todesfällen zu führen, breitet sich aber ungewöhnlich schnell aus. Ein erster Höhepunkt der Grippewelle wird hier für Anfang September erwartet.

          Deutlich mehr Aufmerksamkeit

          Die Pandemie beschäftigt in Großbritannien nicht nur den National Health Service (NHS), das staatliche Gesundheitssystem, sondern beunruhigt zunehmend auch Ökonomen. Die Wirtschaftsprüfer von Ernst &Young warnen, dass die Grippewelle allein dieses Jahr weitere drei Prozent des britischen Bruttoinlandsprodukts kosten wird - ein mittlerer zweistelliger Milliardenbetrag. Andere Experten befürchten sogar doppelt so hohe Einbußen. Im restlichen Europa ist die Situation zwar nicht so beunruhigend wie in Großbritannien, aber wegen der internationalen Verkehrsvernetzung ist kein Land vor der Krankheit gefeit.

          Auch in Deutschland hat die Schweinegrippe in der vergangenen Woche wieder deutlich mehr Aufmerksamkeit geweckt. Nachdem die Berichte über die Grippewelle in Mexiko im April abgeebbt waren, ließ Mitte Juni zwar noch einmal die Weltgesundheitsorganisation WHO aufhorchen, als sie den Pandemiefall ausrief. Aber erst die Urlaubszeit brachte das Thema ins allgemeine Bewusstsein zurück. Reisende importieren das Virus. Auf 2835 Fälle in Deutschland bezifferte Jörg Hacker, der Präsident des Robert-Koch-Instituts, am Freitag das Ausmaß. Innerhalb der vergangenen 48 Stunden waren nach seinen Angaben 1017 neue Infizierte hinzugekommen.

          Pandemie eines der wichtigsten Schadensszenarien

          Joachim Oechslin beobachtet die Entwicklung aufmerksam. Als Chief Risk Officer der Münchener Rück muss er alle Gefahren im Auge behalten, die sich auf das Geschäft des weltgrößten Rückversicherungskonzerns auswirken könnten. Lebensversicherer und auch ihre Rückversicherer verdienen Geld damit, solche Risiken zu kalkulieren. „Der Pandemiefall ist der kritische Faktor, den wir beobachten müssen“, erklärt der Schweizer in mathematisch-analytischem Ton. „Den müssen wir verstehen.“ Denn in einer Grippewelle mit erhöhten Sterberaten sind die Todesfälle nicht mehr zufällig verteilt, sondern gekoppelt.

          Eine schwere Pandemie ist für den Konzern eines der wichtigsten Schadensszenarien. Das aktuelle Virus sei hingegen noch weit von einer schweren Pandemie entfernt, die erst bei einer Infektionsquote von 20 bis 40 Prozent der Bevölkerung eintritt. Ihren möglichen finanziellen Einfluss schätzt Oechslin ähnlich hoch wie eine große Naturkatastrophe ein. Nur wann die Pandemie kommt, ist für ihn noch offen.

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