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Schweden : Im geldpolitischen Labor

Das Hauptquartier der schwedischen Zentralbank in Stockholm Bild: dpa

Ein Paradebeispiel für die Dilemmas moderner Geldpolitik kann man derzeit in Schweden besichtigen. Das Land ist reich, aber war mehrfach anfällig für Spekulationsblasen.

          Der Zentralbankrat der Schwedischen Reichsbank hat dieser Tage etwas Ungewöhnliches getan. Alle sechs Mitglieder unterzeichneten einen Gastbeitrag für eine schwedische Zeitung, dessen wichtigste Botschaft lautet: Ja, wir sehen voraus - und wir sind darüber froh -, dass die Inflationsrate in absehbarer Zeit steigen wird. Die Elite der schwedischen Geldpolitik will mit diesem Dokument Vertrauen schaffen, aber sie hinterlässt vor allem Ratlosigkeit. Zur Debatte steht nicht allein die Qualität der schwedischen Geldpolitik, denn einen solchen Beitrag hätten heutzutage auch Führungmitglieder anderer Zentralbanken unterzeichnen können. Zur Debatte steht die Tauglichkeit der führenden geldpolitischen Schule der vergangenen Jahrzehnte.

          Die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen und die Schwierigkeiten moderner Geldpolitik lassen sich derzeit nirgendwo besser beobachten als in Schweden. Das skandinavische Land ist reich und wirtschaftlich überwiegend gesund, aber es ist mehrfach für Spekulationsblasen am Immobilienmarkt anfällig gewesen. So haben sich die Häuserpreise in den vergangenen 20 Jahren im Durchschnitt annähernd verdreifacht. Zwar erscheint die Staatsverschuldung des Königreichs nicht besorgniserregend, wohl aber ist die Verschuldung der privaten Haushalte im internationalen Vergleich sehr hoch. Warnungen vor einem kreditfinanzierten Boom am Immobilienmarkt mit Gefahren für die Finanzstabilität sind seit Monaten zu hören.

          Derweil befindet sich die Reichsbank auf einem Kurs, der immer mehr Fragen aufwirft. Die auch intern sehr heftig geführten Kontroversen um die schwedische Geldpolitik begannen im Jahr 2010, als die Reichsbank ihren zuvor in der Finanzkrise auf nahe null gesenkten Leitzins wieder erhöhte. Als Grund wurde damals zum einen ein Wunsch nach einer „Normalisierung“ des Zinssatzes genannt - ein Argument, das heute ab und zu auch in Deutschland mit Blick auf die EZB zu hören ist.

          Zwar war die Inflationsrate damals in Schweden sehr niedrig. Aber die Reichsbank wollte unter Führung ihres Gouverneurs Stefan Ingves mit den Leitzinserhöhungen auch gegen die Gefahr einer Spekulationsblase am Immobilienmarkt vorgehen. Von Mitte 2010 bis Mitte 2011 wurde der Leitzins in mehreren Schritten von 0,25 auf 2 Prozent heraufgesetzt.

          Kauf von Staatsanleihen als Stabilisator

          Das Ergebnis war aus heutiger Sicht ein Debakel. Denn angesichts einer nachlassenden Konjunktur und eines Rückgangs der ohnehin niedrigen Inflationsrate sah sich die Reichsbank schon wenige Monate später veranlasst, ihren Leitzins wieder zu senken. Dieser Prozess, in dessen Verlauf Ingves sogar einmal von seinen Kollegen in der Führung der Reichsbank überstimmt wurde, ist möglicherweise noch nicht abgeschlossen. Kürzlich legte die Reichsbank den Leitzins auf minus 0,10 Prozent fest; überdies beschloss sie Käufe von Staatsanleihen.

          Die Gefahr einer kreditfinanzierten Spekulationsblase am Immobilienmarkt besteht noch immer, aber um sie will sich die der Regierung unterstellte Finanzaufsicht kümmern. Sie hat einige Maßnahmen ergriffen, die zu einer Dämpfung der Vergabe von Immobilienkrediten führen sollen. Nach Stockholmer Medienberichten wünscht sich Ingves ein zupackenderes Handeln der Regierung.

          Diese Position erinnert an das amerikanische Modell, nach dem sich die Zentralbank um die Inflationsrate und eventuell noch das Wirtschaftswachstum kümmert, aber nicht um die Sicherung der Finanzstabilität, die durch Regulierungspolitik wie zum Beispiel Eigenkapitalvorschriften für Banken gewahrt wird. Dem steht ein vor allem von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel vertretener Ansatz entgegen, der neben der Regulierungspolitik auch die Geldpolitik in der Pflicht sieht, einen Beitrag zur Sicherung der Finanzstabilität zu leisten. Wie eine optimale Aufgabenverteilung auszusehen hätte, ist Gegenstand aktueller Forschungsarbeiten von Ökonomen.

          Ist moderne Geldpolitik oft nur Aktionismus?

          Die schwedischen Erfahrungen der Jahre 2010 und 2011 zeigen, dass es übereilt sein kann, einen Leitzins mit Verweis auf die Finanzstabilität zu erhöhen, wenn die gesamtwirtschaftliche Entwicklung gegen höhere Zinsen spricht. Aber man könnte wenigstens erwarten, dass eine Zentralbank bei Gefahren für die Finanzstabilität auf fragwürdige Lockerungen ihrer Geldpolitik verzichtet.

          In diesem Lichte erscheint die jüngste Leitzinssenkung der Reichsbank verfehlt. Sie wurde offiziell mit einem Zwang begründet, die Inflationsrate rasch auf 2 Prozent zu bringen. Aber die Inflationsrate, die bei 0,4 Prozent liegt, dürfte auf mittlere Sicht ohnehin steigen. Daneben existieren Hinweise, die Reichsbank wolle ihre Währung schwächen. Aber die Krone befindet sich schon seit fast zwei Jahren gegenüber dem Euro in einem Abwärtstrend.

          Sicherlich ist dies eine Zeit, in der traditionelle geldpolitische Strategien auf den Prüfstand gehören. Aber der Grundfehler moderner Geldpolitik besteht in der Ansicht von Zentralbankern und manchen Ökonomen, Geldpolitik sei ein allmächtiges Instrument zur Konjunktursteuerung. Das Ergebnis ist im Falle der Reichsbank Konfusion. Geldpolitik kann auch darin bestehen, einmal nichts zu tun.

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