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Industrie mit Problemen : Schwächere deutsche Wirtschaft belastet Euro-Raum

  • Aktualisiert am

Geht die Sonne der Konjunktur gerade auf oder unter über dem Hamburger Hafen? Bild: Frank Röth

Die EU-Kommission senkt ihre Wachstumsprognose für den Euro-Raum – auch weil sie von der deutschen Wirtschaft weniger Wachstum erwartet. Ein Ökonom meint: „Die deutsche Industrie ist in einer ausgeprägten Rezession.“

          Die EU-Kommission rechnet im laufenden Jahr mit deutlich weniger Wirtschaftswachstum in Deutschland als bisher angenommen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) werde 2019 um 0,5 Prozent zulegen, teilte die Brüsseler Behörde am Dienstag mit. Zuvor war sie noch von 1,1 Prozent ausgegangen.

          Grund sei vor allem der zunehmende Protektionismus wichtiger Handelspartner, etwa der Vereinigten Staaten. Die Autoproduktion schwächele, zudem trübe sich die Stimmung für Privatinvestitionen ein.

          Die EU-Kommission schwenkt damit auf die ebenfalls nach unten korrigierte Konjunkturprognose der Bundesregierung ein, die zuletzt auch nur noch mit einem BIP-Plus von 0,5 Prozent rechnete.

          Schlechte Aussichten für Italien

          Auch für Italien geht die Kommission von sehr schlechten Wachstumsaussichten aus. Wegen der Haushaltspolitik der Regierung in Rom wird Italiens BIP in diesem Jahr demnach voraussichtlich nur um 0,1 Prozent und 2020 um 0,7 Prozent wachsen – das sind mit Abstand die niedrigsten Werte aller EU-Staaten.

          Infolgedessen wird erwartet, dass die italienische Staatsverschuldung ein Rekordniveau erreicht: 133,7 Prozent des BIP in diesem und 135,2 Prozent im nächsten Jahr. Lediglich der langjährige Krisenstaat Griechenland verzeichnet eine höhere Schuldenquote als Italien – und dort geht die Kommission von einer deutlichen Abnahme der Verschuldung von 181,1 Prozent des BIP im Jahr 2018 auf 168,9 Prozent im Jahr 2020 aus.

          Die schlechten Aussichten für Deutschland und Italien wirkten sich auch auf die Wachstumserwartungen für den gesamten Euro-Raum aus, teilte die Brüsseler Behörde mit. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) werde in den 19 Staaten der Währungsunion in diesem Jahr nur noch um 1,2 Prozent zulegen. Im Februar hatte sie ihre Erwartungen bereits von 1,9 auf 1,3 Prozent heruntergeschraubt.

          Auch für das kommende Jahr senkten die EU-Experten die Vorhersage für die Euro-Zone leicht von 1,6 auf 1,5 Prozent Wachstum. Neben den Unsicherheiten im Welthandel und der Gefahr eines ungeregelten Brexit spiele besonders „die anhaltende Schwäche des verarbeitenden Gewerbes, insbesondere in Ländern mit Problemen in der Automobilindustrie“ eine Rolle, erklärte die Kommission.

          Dennoch zeige sich die europäische Wirtschaft „widerstandsfähig angesichts eines ungünstigeren äußeren Umfelds“, sagte der zuständige EU-Kommissar Valdis Dombrovskis. Das Wachstum werde sich in sämtlichen Staaten fortsetzen, vor allem wegen starker Binnennachfrage und steigender Beschäftigung. Ab 2020 sei wieder von einer „Belebung“ des Wirtschaftswachstums auszugehen, erklärte Dombrovskis.

          Deutsche Industrie schwächelt

          Derweil erholte sich die Auftragslage in der deutschen Industrie leicht, auch wenn Beobachter nicht von einer Trendwende ausgehen. Im März stiegen die Aufträge leicht um 0,6 Prozent, wie das Bundeswirtschaftsministerium am Dienstag in Berlin mitteilte. Allerdings konnten dadurch die Verluste der beiden Vormonate bei weitem nicht wettgemacht werden, zumal der leichte Auftragszuwachs im März auch auf Großaufträge zurückgeht. Im Januar waren die Aufträge gegenüber dem Vormonat um 2,1 Prozent zurückgegangen, im Februar gar um 4,0 Prozent.

          Insgesamt bedeutete das einen Quartalsrückgang von Anfang Januar bis Ende März um 4,1 Prozent. Die Automobilbranche erhielt in dieser Zeit 5,3 Prozent weniger Aufträge, im Maschinenbau betrug der Rückgang 7,3 Prozent. Sowohl aus dem Inland als auch aus dem Ausland kamen weniger Bestellungen.

          „Ausgeprägte Rezession“

          Insgesamt spreche die Auftragslage dafür, dass die Industriekonjunktur in den kommenden Monaten gedämpft bleibe, kommentierte das Wirtschaftsministerium. Auch Bankökonomen gaben sich verhalten: „In Anbetracht des nur leichten Zuwachses an Neubestellungen im März springen die Ampeln für die weitere Wirtschaftsentwicklung nicht auf Grün“, sagte Thomas Gitzel, Chefökonom der Liechtensteiner VP Bank. Donald Trump erweise sich immer wieder als Störfeuer. „Der amerikanische Präsident gießt mit seiner Androhung neuer Strafzölle weiteres Öl ins Feuer.“

          Auch die Commerzbank sieht keine Wende für die deutsche Industrie in Sicht. Der leichte Auftragszuwachs im März gehe vor allem auf schwankungsanfällig Bestellungen wie Flugzeuge zurück, analysierte Ökonom Ralph Solveen. Ohne diese Komponente wären die Aufträge auch im März deutlich gefallen. „Zusammen mit den bis zuletzt schwachen Stimmungsindikatoren zeigt dies einmal mehr, dass sich die Industrie in einer ausgeprägten Rezession befindet.“

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