https://www.faz.net/-gqe-6udqg

Schuldenschnitt : Die Banker wollen für Griechenland kein Opfer bringen

  • -Aktualisiert am

„Rettungsschirm“ Bild: dpa

Griechenland ist pleite. Das sehen auch die Banken. Doch die Konsequenzen wollen sie nicht tragen. Sie wehren sich gegen einen harten Schuldenschnitt. Dabei wäre das für Deutschland die billigste Lösung.

          4 Min.

          Es klang wie eine abgemachte Sache. Der deutsche Finanzminister wagte sich am vergangenen Sonntag aus der Deckung und sagte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: „Möglicherweise sind wir im Juli von einem zu geringen Prozentsatz der Schuldenreduktion ausgegangen.“ Reichlich verklausuliert drückte er damit aus, dass Griechenland womöglich demnächst einen harten Schuldenschnitt braucht - also eine Pleite. Am Montag darauf legte der luxemburgische Premier Jean- Claude Juncker in einem Fernsehinterview nach: „Ich schließe einen Schuldenschnitt nicht aus“, sagte er - um dann in die Vollen zu gehen. Niemand dürfe denken, dass 50 bis 60 Prozent Schuldenreduktion für Griechenland genügen würden. „Wir reden über mehr.“

          Am Donnerstag wollte dann auch Bundesbank-Präsident Jens Weidmann einen Schuldenschnitt für Griechenland nicht mehr ausschließen. Und aus dem französischen Finanzministerium war ebenfalls zu hören, dass das Land es befürworte, wenn die Banken einen Schuldenschnitt von mehr als den schon beschlossenen 21 Prozent akzeptieren würden. Gleichzeitig diskutierte ganz Europa darüber, die größten privaten Gläubiger der Griechen, die europäischen Banken, zu rekapitalisieren. Hinter den Kulissen arbeiten die Beamten in den Finanzministerien und der EU seit Tagen eifrig, damit der Gipfel der Staats- und Regierungschefs der EU am kommenden Sonntag einiges beschließen kann. Das Ziel: Verhindern, dass eine Insolvenz Griechenlands einzelne Banken in den Abgrund reißt - und damit eine systemische Krise auslöst.

          Es klang wie eine abgemachte Sache. Doch hatte offenbar niemand die Banken davon informiert, die größten Gläubiger des griechischen Staates. Die reagierten prompt. Und zwar mit Empörung. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann warnte am Donnerstag vor „Dominoeffekten“ durch einen harten griechischen Schuldenschnitt. Für diesen Fall benötige man einen gewaltigen Hilfsfonds, um auch andere Länder auffangen und Banken rekapitalisieren zu können. Es werde kaum möglich sein, ein so großes Auffangnetz zu stricken, behauptete er. Und machte gleichzeitig klar: „Die Deutsche Bank wird alles tun, um eine Zwangskapitalisierung zu vermeiden.“

          Warnungen vor der Eskalation

          Es folgten die Bankenverbände. Der Präsident des Bundesverbands deutscher Banken, Andreas Schmitz, warnte vor einer Eskalation: „Die Politik darf uns jetzt nicht den Krieg erklären - sondern lieber mit uns bei Wasser und Brot ins Kloster gehen und arbeiten, bis weißer Rauch aufsteigt und es eine gemeinsame Lösung gibt.“ Der geschäftsführende Direktor des internationalen Bankenverbands IIF, Charles Dallara, ging sogar noch weiter. Er verkündete am Freitag, dass die privaten Gläubiger Griechenlands keine größeren Verluste als die schon beschlossenen 21 Prozent akzeptieren wollten. „Ein Deal ist ein Deal“, sagte er. Zudem könnten jedwede zusätzlichen Verluste für griechische Anleihenbesitzer die Investoren dazu bringen, auch die Anleihen anderer Eurostaaten zu verkaufen und damit den Euro zu destabilisieren.

          Bild: F.A.Z.

          Offensichtlich haben es die Politiker etwas zu eilig gehabt. Sie sind öffentlich mit Forderungen nach einem Schuldenschnitt vorgeprescht, ohne sich zuvor mit den Gläubigern zumindest im Grundsatz verständigt zu haben. Nun ist die Chance vertan, den griechischen Schuldenschnitt im Hinterstübchen zu vereinbaren und schnell zu beschließen. Der Streit um die Griechen-Pleite wird jetzt in aller Öffentlichkeit ausgetragen. Und die Fronten zwischen Staat und Banken verhärten sich.

          Ständige neue Horrorberechnungen

          Derweil kursieren ständig neue Horrorberechnungen, wie viel es kosten wird, die Banken gegen die Folgen einer Griechenpleite abzusichern - und gegen die Folgen der Diskussion über die Pleite. Diese führt längst dazu, dass die Staatspapiere anderer Eurostaaten ebenfalls deutlich an Wert verlieren. Lagen die Schätzungen Anfang der Woche noch zwischen 50 und 200 Milliarden Euro an Kapitalbedarf für die Banken, so schnellten sie in den Rechnungen der Banken über die Woche teilweise auf mehr als 300 Milliarden Euro hoch. Angesichts der großen Zahlen stellt sich die Frage, was eigentlich am Ende billiger wird: der Schuldenschnitt mitsamt der Bankenrettung - oder doch die weitere Griechenrettung nach altem Muster?

          Die Lage in Griechenland ist miserabel: Das Land hängt am Tropf von Europäischer Union und Internationalem Währungsfonds (IWF). Trotzdem verschuldet es sich stetig weiter - auf Kosten der Retter. Laut den Schätzungen der Troika aus EU, IWF und Europäischer Zentralbank steigen die Schulden des griechischen Staats bis 2012 auf sagenhafte 172 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Ein Ende des Schulden-Anhäufens ist nicht abzusehen. Für Griechenland, das ist klar, ist es auf kurze Sicht trotzdem lohnend, weiterhin gerettet zu werden. Denn ein Staatsbankrott ist zwar erlösend und langfristig heilsam für Wirtschaftskraft und Selbstbewusstsein. Er löst aber erst einmal einen Schock im Land aus, der nicht zu unterschätzen ist.

          Was ist für Deutschland billiger?

          Wie aber müssen die Retter rechnen? Was ist für Deutschland billiger, die weitere Griechen-Rettung oder die harte Umschuldung plus Bankenrettung? Ansgar Belke und Christian Dreger vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) haben für die Sonntagszeitung gerechnet. Ihr Ergebnis: Der harte Schuldenschnitt von 60 Prozent für Griechenland ist für die Retter in fast jedem Szenario billiger, als weiterzumachen wie bisher.

          Das hat zwei Gründe: Erstens führt der Schuldenschnitt dazu, dass nicht die Staaten allein Griechenlands Lasten tragen, sondern auch die privaten Gläubiger. Zweitens macht ein Schuldenschnitt Griechenland schneller wieder kreditwürdig. Das Land kann früher wieder selbst Geld am Kapitalmarkt aufnehmen und mehr Altkredite tilgen. Das erste Ergebnis der Forscher ist simpel: Müssten wir keine Banken retten, wäre der Schuldenschnitt günstiger, als weiter Hilfen zu vergeben (Szenario 1). Dies gilt selbst dann, wenn es Griechenland trotz des Schuldenschnitts bis 2020 nicht gelingt, an den Kapitalmarkt zurückzukehren (Szenario 4).

          Immer heiter weiter?

          Was aber passiert, wenn die Bankenrettung noch dazukommt? Im pessimistischen Szenario 2 gehen die Forscher davon aus, dass die Bankenrettung die europäischen Staaten 100 Milliarden Euro kostet, die Deutschen tragen 27 Milliarden Euro. Im optimistischen Szenario 3 gehen die Forscher davon aus, dass die Bankenrettung deutlich günstiger wird. Den Banken gelingt es zudem, sehr viel des benötigten Eigenkapitals selbst zu beschaffen. Deutschland muss nur 10 Milliarden Euro aufbringen.

          Ob sich das Ganze für die Deutschen lohnt, hängt davon ab, wie schnell Griechenland durch den Schuldenschnitt wieder kreditwürdig wird. Gelingt dies schon 2012, so ist die Umschuldung in jedem Fall besser, als weiterzumachen wie bisher - egal, wie teuer die Bankenrettung ist. Gelingt dies erst 2015, so sind die Kosten der Bankenrettung entscheidend. Sind sie hoch, ist es billiger, wenn wir weitermachen wie bisher. Sind sie niedrig, so ist der Schuldenschnitt samt Bankenrettung besser.

          Was ist nun das wahrscheinlichste Szenario? Blickt man zurück auf die Finanzkrise 2008, so wurden für die Banken anfangs weit höhere Rettungssummen diskutiert, als schließlich anfielen. Es spricht also einiges für die günstigere Bankenrettung. Zudem kehrten Pleite-Staaten in der Geschichte im Schnitt fünf Jahre nach der Insolvenz zurück an den Kapitalmarkt. Damit ist Szenario 3 mit langsamer Erholung das wahrscheinlichste Umschuldungsszenario - und es ist immerhin 3,1 Milliarden Euro billiger, als weiterzumachen wie bisher.

          Holen wir die Bazooka?

          Das Wort darf derzeit in keiner Diskussion über Europa fehlen. Was machen wir, wenn die Banken nicht freiwillig mehr Kapital aufnehmen? „Dann holen wir die Bazooka raus“, sagen Politiker gern. Gemeint mit diesem Bild ist weder das Musikinstrument gleichen Namens, das der Radio-Comedian Bob Burns in den zwanziger Jahren entwickelt hat. Noch die Bazooka-Kaugummis, denen Comics mit einer Hauptperson namens „Bazooka Joe“ (nicht zu verwechseln mit dem Chef der Deutschen Bank) beiliegen.

          Nein, die Bazooka, um die es hier geht, ist eine Art schlagkräftige Panzerfaust, die Amerika erstmals im Zweiten Weltkrieg bei der Landung in Nordafrika eingesetzt hat. Amerikas Finanzminister Hank Paulson wandte das Bild 2008 auf die Finanzmärkte an, als er sich weitreichende Vollmachten vom Kongress für die Verstaatlichung der Immobilienfinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae erbat. Seine These: „Wenn man eine Wasserpistole in der Tasche hat, kann man irgendwann gezwungen sein, diese auch zu ziehen. Wenn man eine Bazooka hat, und die Leute wissen es, muss man sie vielleicht gar nicht auspacken.“

          Solcherlei Hoffnung trog schon damals - und dürfte heute wieder trügen. Zwei Monate nach seiner Äußerung musste Paulson umschwenken und die Immobilienfinanzierer unter staatliche Kuratel stellen. (sibi.)

          Weitere Themen

          Arbeitslosenzahl sinkt im November Video-Seite öffnen

          Trotz Teil-Lockdown : Arbeitslosenzahl sinkt im November

          Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist trotz neuer Corona-Beschränkungen im November gesunken. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren im November 2,699 Millionen Menschen arbeitslos, 61.000 weniger als noch im Oktober.

          Topmeldungen

          Der von Biontech und Pfizer entwickelte Impfstoff könnte bald massenhaft verabreicht werden.

          Erstes Vakzin genehmigt : Biontech-Impfstoff wird in Großbritannien zugelassen

          Das Mainzer Unternehmen Biontech und sein Partner Pfizer haben in Großbritannien eine temporäre Notfallzulassung für ihr Corona-Vakzin erhalten. Die ersten Lieferungen sollen innerhalb weniger Tage vor Ort eintreffen, dann kann geimpft werden.

          Fünf Tote in Trier : Mutmaßlicher Amokfahrer muss vor Haftrichter

          Einen Tag nach der schrecklichen Amokfahrt in Trier entscheidet die Staatsanwaltschaft, ob sie für den festgenommenen Autofahrer Untersuchungshaft oder eine Unterbringung in der Psychiatrie beantragt. Fünf Menschen wurden am Dienstag in der Innenstadt getötet.
          Fragwürdige Ehrung: „Ahnengalerie“ im Bundesarbeitsgericht in Erfurt

          Frühere Bundesrichter : Tief verstrickt in NS-Verbrechen

          Das Bundesarbeitsgericht hat seine Vergangenheit nie aufarbeiten lassen. Jetzt zeigt sich: Etliche seiner Richter hatten in der NS-Zeit Todesurteile zu verantworten oder sich auf andere Weise schwer belastet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.