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Schuldenkrise : „Wir brauchen mehr Europa, nicht weniger“

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Der Historiker Heinrich August Winkler tritt für eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik der Euro-Staaten ein Bild: F.A.Z.

Der Historiker Heinrich August Winkler über Europas Ideale, die Lehren aus früheren Krisen und die Rückständigkeit der Griechen.

          Herr Winkler, Sie beschreiben in Ihrem neuen Buch über die Geschichte des Westens das Börsenfieber der späten zwanziger Jahre und den jähen Absturz. Sind Parallelen der Gegenwart zur Weltwirtschaftskrise 1929 rein zufällig?

          Die Weltwirtschaftskrise war eine der größten ökonomischen Katastrophen der Geschichte. Sie führte in Deutschland zur Errichtung einer totalitären Diktatur - und damit letztlich zum Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust. Dieses Resultat war keineswegs zwangsläufig. Bei einer anderen politischen Tradition hätte sich die Demokratie behaupten können. In Ländern wie England oder Amerika führte die Krise zu Reformen und einer Stabilisierung des Systems.

          Steht auch heute die Demokratie auf dem Spiel?

          Die politische Kultur Deutschlands ist eine andere, nach den Zäsuren von 1945 und 1990 ist die Bundesrepublik im Westen angekommen. Und die Politiker haben weltweit aus der Krise von 1929 gelernt. Die Kommunikation zwischen den Regierungen ist ungleich intensiver als damals. Das eng vernetzte Europa unterscheidet sich fundamental von den isolierten Nationalstaaten der Zwischenkriegszeit.

          Im Fall von Griechenland steht die europäische Zusammenarbeit gerade vor dem Scheitern.

          Der deutsche Finanzminister hat diese Woche im Bundestag zu Recht erklärt: Ohne die Einlösung der von Athen eingegangenen Verpflichtungen wird es keine weiteren Überweisungen von Mitteln aus dem Rettungsschirm geben.

          Und dann?

          Eine geregelte Insolvenz Griechenlands ist ohnehin unvermeidbar geworden. Der alarmierende Rücktritt von Jürgen Stark, dem Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, unterstreicht die Dringlichkeit einer Umschuldung des Landes. Ich bin nicht der Meinung, dass das der berühmte Dominostein wäre, der den Euro als Ganzes ins Rutschen bringen würde. In Portugal und Spanien, auch in Irland machen die Strukturreformen wesentlich größere Fortschritte als in Griechenland.

          Was ist bei den Griechen anders?

          Das griechische Modernitätsdefizit hat Gründe, die weit hinter das 19. Jahrhundert zurückreichen. Griechenland gehört nicht zum historischen Westen. Gewaltenteilung und Rechtsstaat haben es in orthodox geprägten Ländern bis heute schwer. Das gilt auch für Bulgarien und Rumänien, deren EU-Beitritt ebenso verfrüht war wie Griechenlands Aufnahme in die Währungsunion.

          Sind solche Traditionen ein Schicksal, von dem sich ein Land nicht lösen kann?

          Sehr viel hängt vom Willen der Eliten ab. Da gibt es in Athen gefährliche Schwankungen. Griechenland wird deshalb für eine Übergangszeit eine Reihe von hoheitlichen Befugnissen an die Europäische Union abtreten müssen.

          Warum müssen sich die Griechen unseren Stabilitätsvorstellungen überhaupt beugen?

          Es geht nicht um deutsche Vorstellungen, sondern um Gebote der Vernunft und der Verantwortung, die von vielen EU-Mitgliedstaaten geteilt werden. Wir brauchen eine weithin gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik der Euro-Staaten.

          Die europäische Einigung galt immer als eine Frage von Krieg und Frieden, als Konsequenz aus den Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Trägt diese Begründung heute noch?

          Das Ziel einer politischen Union ist dringender denn je. Probleme wie die Schuldenkrise würden in den Vereinigten Staaten von Europa, einer europäischen Föderation, viel leichter zu lösen sein als im jetzigen Zwischenstadium eines Staatenverbunds. Die Verhältnisse üben einen Druck aus, der in Richtung eines Integrationsschubs weist: mehr Europa, nicht weniger. Auch die multipolare Welt sollte für die Europäer ein starker Ansporn sein, endlich mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen.

          Was heißt das für unser Verhältnis zu Amerika?

          Unsere sogenannten europäischen Werte kommen zu wesentlichen Teilen aus Amerika. Die ersten Erklärungen der Menschenrechte wurden dort formuliert, sie hatten einen starken Einfluss auf die Französische Revolution. Diese transatlantische Wechselwirkung sollte uns vor einer europäischen Nabelschau bewahren. Aber Amerika ist nicht mehr stark genug, um allein die Sache des Westens in der Welt vertreten zu können. Auch deshalb ist es so wichtig, dass Europa seine Rivalitäten überwindet und mit einer Stimme spricht.

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