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Schuldenkrise : Wie man aus Schulden einen Staat macht

Auf dem 10-Dollar-Schein abgebildet: Alexander Hamilton, der erste amerikanische Finanzminister Bild: Getty Images

Amerika begann als Schuldenunion. In der Krise paukte die Gemeinschaft jeden raus. Das raten Angelsachsen jetzt auch den Europäern. Es fehlt nur noch ein Pionier wie Alexander Hamilton.

          5 Min.

          Die Zahl klingt klein, aber am Ende des 18. Jahrhunderts waren 25 Millionen Dollar eine Menge Geld. So hohe Schulden hatten die dreizehn Kolonien an der Ostküste Nordamerikas während der Zeit aufgehäuft, in der sie ihre Unabhängigkeit von der britischen Krone erkämpften. So groß war das Problem, dem sich Alexander Hamilton gegenübersah, als er am 11. September 1789 unter dem ersten Präsidenten George Washington das Amt des Finanzministers antrat - er, der schon in der Verfassunggebenden Versammlung von 1787/88 einer der Wortführer gewesen war und als Autor der „Federalist Papers“ für einen starken Bundesstaat anstelle eines lockeren Staatenbunds plädiert hatte.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Hamilton wollte das Problem lösen, indem der Bund die Schulden der Einzelstaaten einfach übernahm und sich im Gegenzug mit der alleinigen Verfügungsgewalt über die Zölle eine entsprechende Einnahmequelle verschaffte. Damit stieß er zunächst auf den vehementen Widerstand jener Staaten, die einen beträchtlichen Teil ihrer Schulden bereits aus eigener Kraft getilgt hatten - und jener Idealisten unter den amerikanischen Gründervätern, die eine Rückzahlung überhaupt nicht für nötig hielten.

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          Besonders hartnäckig war der Widerstand in Virginia, der Heimat von Hamiltons langjährigem Gesinnungsgenossen James Madison, der ihm wegen der Schuldenfrage die Freundschaft aufkündigte. Der Südstaat hatte seine Verbindlichkeiten bereits halbiert und mochte nicht einsehen, etwa für das nördliche Massachusetts mit seinem hohen Defizit einzustehen.

          Gemeinsam für die Verbindlichkeiten einstehen

          Zunächst schien die Lage für den neuen Finanzminister, der heute auf dem 10-Dollar-Schein abgebildet ist, aussichtslos zu sein. Gegen den fast geschlossenen Widerstand des Südens konnte er sich kaum durchsetzen, eine erste Abstimmung im Repräsentantenhaus ging knapp verloren. Aber Hamilton kämpfte. Anders als der zaudernde Madison sprach er „nicht in dürren, technischen Worten“, wie sein Biograph Ron Chernow rühmt. Er redete von Gerechtigkeit, Patriotismus und nationaler Ehre. Die Schulden seien durch die Revolution verursacht worden, argumentierte er. Von ihr hätten alle Amerikaner gleichermaßen profitiert, also müssten sie jetzt auch gemeinsam für die Verbindlichkeiten einstehen.

          Am Ende waren es nicht seine großen Worte, die Hamilton zum Sieg verhalfen, sondern seine überragenden taktischen Fähigkeiten. Geschickt verstand es der Politiker aus New York, die Schuldenfrage mit der Hauptstadtfrage zu verbinden. Bei einem Abendessen in Madisons Privathaus verhandelte er den Kompromiss. Er opferte alle Ambitionen, die Regierung der Vereinigten Staaten in seiner Heimatstadt anzusiedeln - eine Kehrtwende, die man ihm dort noch lange übelnehmen sollte.

          Den Opponenten aus Virginia kam er im Wortsinn entgegen: Direkt an ihrer Grenze, am beschaulichen Ufer des Potomac, sollte sich die neue Zentralgewalt nun ansiedeln. Außerdem gestand er Virginia eine Obergrenze zu, an der die Haftung für andere Staaten enden sollte. Im Gegenzug gab Madison seinen Widerstand auf. Am 26. Juli 1790 billigte das Repräsentantenhaus die „Assumption Bill“, das Gesetz zur Schuldenübernahme.

          Der Hamilton der Eurokrise

          An Madisons Esstisch löste Hamilton nicht nur ein ökonomisches Problem, er schlug auch politisch ein neues Kapitel der Geschichte auf. Vom „berühmtesten Abendessen der amerikanischen Geschichte“ spricht Biograph Chernow. Ohne die Kehrtwende jenes Abends hätte es die spätere Weltmacht Amerika nicht gegeben. Erst die Zentralisierung der Haushaltspolitik, die Erschließung eigener Einnahmequellen für den Gesamtstaat schubste den Staatenbund der Kolonien in Richtung jenes Bundesstaats, wie wir ihn kennen.

          Hierzulande ist die Episode kaum bekannt. In den Vereinigten Staaten wird Hamiltons Coup den Europäern hingegen als Vorbild empfohlen, seit die Schuldenkrise im vorigen Jahr eskalierte. „Damals die Vereinigten Staaten, heute Europa“, überschrieb der Wirtschafts-Nobelpreisträger Thomas J. Sargent seine Stockholmer Dankesrede. „Wer ist der Alexander Hamilton der Eurozone?“, fragte im „Wall Street Journal“ der Ökonom Irwin Stelzer. „Vielleicht sollte sein Gesicht eines Tages auch den 10-Euro-Schein zieren“, empfahl schließlich der in Princeton lehrende Wirtschaftshistoriker und Deutschlandkenner Harold James das Verfahren. Und in Deutschland berief sich der Sachverständigenrat der Bundesregierung auf das historische Beispiel, als er einen Tilgungsfonds für Europa empfahl.

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