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Schuldenkrise : Was ist bloß in Italien los?

Eine italienische Euromünze Bild: dpa

Zum ersten Mal misstrauen die Kapitalmärkte einem großen europäischen Land. Die Italiener sind schockiert. Schließlich wirtschaften sie doch so solide wie selten.

          5 Min.

          Ganz unvermittelt finden sich die Italiener zurückgeworfen in die Zeiten finanzieller Turbulenzen. Gerade eben schienen die Errungenschaften des Euro zu Selbstverständlichkeiten geworden zu sein: niedrige Inflation, harte Währung und vor allem niedrige Zinsen für Staatstitel. Gerade noch hatten die Politiker durch die Finanzkrise hindurch beteuert, Italien sei auf jeden Fall stabil.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Doch vor einer Woche erreichte eine Welle von Zweifeln Italien. Ein klarer Grund dafür lässt sich nicht ausmachen. Die Regierung von Silvio Berlusconi wackelt zwar, aber eigentlich schon seit einem Jahr. Es gab Zeichen des Unmutes über die Haushaltskorrekturen von Finanzminister Giulio Tremonti: Nicht nur Oppositionspolitiker, auch die Regierungskoalition schien große Lust zu haben, das Sparpaket zu zerfleddern.

          Womöglich hat der Starttermin für die Spekulationswelle gar nicht so viel mit Italien zu tun, sondern mehr damit, dass zuvor nach der Abwertung von Portugals Staatstitel auf Ramschniveau ein neues Land gesucht wurde, mit dem finanziell ertragreiche Wetten veranstaltet werden konnten.

          Aus der Perspektive der Italiener ist es unheimlich, dass ihr Land ohne konkreten Anlass nun innerhalb der Währungsunion zum Spielball der Spekulation werden konnte - vor allem auf welche Weise: Der Risikozuschlag, der für italienische Staatstitel gegenüber den deutschen geboten werden musste, stieg sprunghaft auf bis zu 3,4 Prozentpunkte. Wichtige Bankentitel verloren in einer Woche mehr als ein Fünftel ihres Wertes, die Börse in zwei Tagen 8 Prozent.

          Über Nacht 6 Promille des Kontostandes von allen Girokonten

          Die Turbulenzen an den Finanzmärkten brachten die Italiener in Gedanken zurück in die unruhigen Zeiten von 1992. Nach dem Sommerurlaub waren damals die Zweifel und Spekulationen um Italien so groß geworden, dass die Italiener schließlich aus dem damaligen Währungssystem ausscheiden und ihre Lira abwerten mussten. Zudem blieb damals selbst dem zaudernden Ministerpräsidenten Giuliano Amato keine andere Wahl, als ein drakonisches Sparprogramm von mehr als 46 Milliarden Euro beschließen zu lassen.

          Ein Detail davon ist noch immer in schlechter Erinnerung: „La Patrimoniale“, die Vermögensabgabe, die damals rücksichtslos gehandhabt wurde. Über Nacht zog die italienische Regierung von allen Girokonten bei italienischen Banken 6 Promille des aktuellen Kontostandes ein. Nun wird wieder geredet über die „Patrimoniale“.

          Der Blick auf die letzte Italienkrise zeigt Parallelen und entscheidende Unterschiede. Damals steuerten die Staatsschulden auf den Wert von umgerechnet knapp 1000 Milliarden Euro zu. Heute beträgt der Schuldenstand Italiens 1890 Milliarden Euro. In beiden Jahren, sowohl 1992 als auch 2011, belaufen sich die Staatsschulden auf rund 119 Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts (BIP).

          Gegensätzliche Extreme bringt dagegen der Blick auf das jährliche Haushaltsdefizit: 1992, in einem Jahr mit guter Konjunktur, lag der Fehlbetrag der italienischen Staatsfinanzen bei rund 10 Prozent des BIP, wie schon in den sieben Jahren zuvor. Verfilzte Politik, Klientelwirtschaft und teure Geschenke an die Wähler, aber auch unstillbarer Geldhunger der großen Staatskonzerne hatten in nur zwölf Jahren die italienischen Staatsschulden ins Unermessliche steigen lassen.

          Schamloser Stolz auf Unkenntnis ökonomischer Regeln

          Schließlich hatten sie 1980 erst bei 60 Prozent des BIP gelegen, 1970 bei 40 Prozent. Die Erbschaft der achtziger Jahre war auch das politische System der wackeligen Regierungen, der schamlose Stolz der Politiker auf ihre Unkenntnis ökonomischer Regeln, die vielen teuren sozialen Wohltaten wie Frührentner mit 50. Um davon Abstand zu nehmen, war der Schock der Lirakrise 1992 hilfreich, ebenso die flächendeckenden Korruptionsermittlungen, aber auch eine Volksabstimmung über das Wahlgesetz.

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