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Schuldenkrise : Ungarn ist kein zweites Griechenland

Budapest bei Nacht Bild: dpa

Die Zahlungsunfähigkeit des osteuropäischen Landes ist längst kein Tabuthema mehr. Dennoch hinkt ein Vergleich mit Griechenland: Im Gegensatz zu dieser ist Ungarns Wirtschaft sehr wohl  wettbewerbsfähig.

          3 Min.

          In Europa wachsen die Sorgen um Ungarn. Das Land braucht dringend Geld vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Union (EU). Die Verhandlungen darüber stocken, weil Ungarn mit umstrittenen Gesetzesänderungen - dazu gehört der Eingriff in die Unabhängigkeit der Notenbank - vermutlich Regeln der Europäischen Union verletzt. Ähnlich wie in Griechenland ist eine Zahlungsunfähigkeit des Landes kein Tabuthema mehr: "Ausgeschlossen ist das nicht. Ein Restrisiko besteht, und das Vertrauen der Investoren hat einen tiefen Knacks bekommen", sagt der Finanzfachmann Viktor Szabo vom Vermögensverwalter Aberdeen Asset Management in Budapest.

          Michaela Seiser
          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Dennoch ist ein Vergleich mit dem Krisenland Griechenland ungerechtfertigt. Ungarn hat dank kräftiger ausländischer Direktinvestitionen seine Wirtschaft wettbewerbsfähig gemacht. Die Höhe der ausländischen Direktinvestitionen liegt nach einer Untersuchung von Raiffeisen Research in Wien bei 65 Prozent des Bruttoinlandsprodukts; in Griechenland beläuft sich dieser Wert auf 13 Prozent. Ungarn konnte seinen Anteil am Export auf der Welt von 0,44 Prozent im Jahr 1999 auf 0,69 Prozent 2009 steigern. Griechenlands Anteil schrumpfte in der gleichen Zeit von 0,19 auf 0,16 Prozent. Dabei ist die griechische Wirtschaft fast doppelt so groß wie die ungarische. Zudem liegt die Staatsverschuldung mit vier Fünfteln des BIP bei etwa der Hälfte der Schulden Griechenlands. Ebenso ist die Neuverschuldung zuletzt geringer gewesen als in Griechenland; das beruht allerdings auf Einmaleffekten aus der Verstaatlichung der Rentenversicherung.

          Fachleute rechnen mit Kapitalbedarf von 10 bis 20 Milliarden Euro

          Doch ungeachtet seiner relativ besseren Stellung ist die Lage Ungarns verfahren. Szabo und andere Beobachter rechnen aber damit, dass der IWF Ungarn wie vor vier Jahren Finanzhilfe zukommen lässt. Damals flossen 20 Milliarden Euro nach Ungarn; das Volumen wurde nur zu zwei Drittel ausgeschöpft. Jetzt rechnen Fachleute mit einem Kapitalbedarf von 10 bis 20 Milliarden Euro. Dieser ist notwendig, weil Ungarn den Anlegern enorme Zinsen für seine Staatspapiere bieten muss. Bei der Auktion von Anleihen nahm das Land am Donnerstag insgesamt 44 Milliarden Forint (rund 147 Millionen Euro) ein. Die Renditen für die Papiere mit Laufzeiten von drei, fünf und zehn Jahren lagen im Durchschnitt bei 9,4 Prozent und damit etwas niedriger als zuletzt. Dennoch gilt dieses Zinsniveau als auf Dauer untragbar für das osteuropäische Schwellenland.

          Unter dem Vertrauensverlust Ungarns leidet aber auch Österreich und letztlich die Gemeinschaftswährung. Zwar wird die Bonität Österreichs erstklassig bewertet. Doch sorgen sich die Anleger, dass die Krise überschwappen könnte. Höhere Zinsen für Anleihen und höhere Kosten für Kreditausfallsversicherungen sind die Folge. Grund dafür ist, dass Wiener Geldhäuser wie Erste Group, Raiffeisen Bank International und Volksbanken AG in Ungarn stark engagiert sind. Österreichs Institute haben nach der Statistik der Basler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) mehr als 41 Milliarden Dollar in Ungarn verliehen; das ist fast ein Drittel aller Forderungen ausländischer Banken gegenüber Ungarn. Daneben gehören Italien mit 23,39 Milliarden Dollar und Deutschland mit 21,38 Milliarden zu den wichtigsten Geldgebern. Deutsche Banken sind damit in Ungarn genauso stark engagiert wie in Griechenland.

          Österreich hat darüber hinaus in anderen Ländern Osteuropas Kredite vergeben - fast in Höhe seiner jährlichen Wirtschaftsleistung von gut einer Viertelbillion Euro. Ungarn ist dabei nur ein relativ kleiner Fall, denn in der Tschechischen Republik und in Rumänien sind die Forderungen der Finanzdienstleister höher. Platzen die Kredite, müsste die Republik Österreich einspringen. Dann hätte auch die SPÖ-ÖVP-Regierung ein Problem. Die Spitzenbonität des Staates wäre in Gefahr. Wenn sich die Bewertung verschlechtert, müsste die Republik deutlich höhere Zinsen zahlen. Alleine die Diskussion über eine mögliche Zahlungsunfähigkeit Ungarns habe bereits geschadet, sagte die Geschäftsführerin der Bundesfinanzierungsagentur ÖBFA, Martha Oberndorfer, am Dienstag, nachdem zwei österreichischen Bundesanleihen aufgestockt worden waren. So habe der Aufschlag für zehnjährige Bonds im Vergleich zur deutschen Anleihe zum Zeitpunkt der Auktion 140 Basispunkte betragen. Zum Jahresende 2011 belief er sich auf 110 Basispunkte, nachdem er im Jahresverlauf zwischen 40 und 180 Basispunkten schwankte. Welche Rolle Ungarn dabei gespielt hat, ist allerdings schwer zu beziffern.

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