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Schuldenkrise : Spanien – das immobile Land

Der Wohlstand in Spanien bröckelt: Denn das Land verdankt ihn vor allem der Baubranche Bild: AFP

Die ganze spanische Volkswirtschaft war fixiert auf Immobilien. Jetzt stellt sich heraus: Der Wohlstand ist auf Sand gebaut. Die Herabstufung des Ratings durch die Agentur Fitch hat schon für Kursverluste in Amerika gesorgt. Am Montag könnte es in Europa weitergehen. Die Lage ist gefährlich.

          Eliza, die Putzfrau, hat es in Spanien zu zwei Wohnungen gebracht. Eine bewohnt sie mit Mann und Tochter. Sie liegt in einer Urbanisacin vor Madrid, die nie ein Tourist besuchen würde. Eliza aber redet in den höchsten Tönen von ihrem Quartier und ihrer Wohnanlage, sauber ist sie, und einen Swimming Pool hat sie auch.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Die zweite Wohnung liegt ebenfalls irgendwo im Großraum Madrid. Diese Immobilie verdüstert ihre Laune. Darin wohnt eine Familie aus Ecuador, die ihre Miete nur noch unregelmäßig zahlt. Eliza, die kleine Immobilieninvestorin, muss jetzt neu rechnen.

          Weiter oben auf der sozialen Skala haben Familien den Immobilienerwerb fast wie ein Gesellschaftsspiel betrieben, berichtet der Ökonom David Bach vom Instituto de Empresa Business School in Madrid. Wer schafft es, ohne Geld eine Wohnung zu kaufen, hieß eine beliebte Variante des Spiels. Wer Chuzpe hatte, erwarb drei neue Wohnungen auf Kredit, nutzte die dramatische Preissteigerung, verkaufte zwei Wohnungen wieder und beglich mit dem Erlös alle Schulden. Die Preise stiegen schneller und auf höhere Niveaus als in amerikanischen Boomregionen. Die Wohnungen, zumindest jene, die zur Spekulation vorgesehen waren, wurden zum Teil bewusst leer gelassen, damit man sie später besser verkaufen konnte. Spaniens Gesetze schützen die Mieter so gut, dass Vermieter sie nur schwer loswerden. Wie groß das Phänomen der bewusst leerstehenden Spekulationsobjekte war, ist schwer zu ermitteln.

          Im schlimmsten Fall allerdings fanden Leute, die mieten wollten, deshalb keine Wohnungen und sendeten das Signal an die längst verrückt gewordenen Immobilienentwickler, dass noch Wohnraum gebraucht wird. Und das ist die Quittung: Mindestens 1,5 Millionen Wohnungen stehen leer, ganze Geisterstädte verdorren. Immobilen-Entwickler schulden Banken geschätzte 325 Milliarden Euro, die mit Immobilien gesichert sind die täglich ihren Wert verlieren.

          Auf Sand gebaut

          Spaniens Aufschwung der letzten Jahre war vor allem dem Bau zu verdanken. Jetzt lernt das Land gerade, dass man auf Sand gebaut hat. Die Suche nach Ursachen und Schuldigen hat längst begonnen. Auf der Verdächtigenliste stehen die Finanzkrise als solche, Spekulanten ohnehin und Rating-Agenturen wie zuletzt Fitch, die die Kreditwürdigkeit der spanischen Regierung herabstuften von „supergut“ auf immer noch „gut“ (Ratingagentur Fitch stuft Spanien herab ).

          Nur das Häuschen steht nicht zur Debatte. Das Land hat zweifelsohne eine besondere Beziehung zu den eigenen vier Wänden. Irgendwo tief in der spanischen Seele scheint die Sehnsucht nach dem Eigenheim verwurzelt zu sein. Die Tatsache, dass mehr als 80 Prozent der Spanier in eigenen Wohnungen und Häusern leben und nur 50 Prozent der bausparenden Baden-Württemberger, kündet davon.

          Doch Immobilien haben den Nachteil, dass sie eben Immobilien sind und damit das Gegenteil von Dynamik. Sie fördern eine Unbeweglichkeit, die das spanische Leben durchzieht und die von der spanischen Politik begünstigt wird: Wer einen festen Job hat, kann auf Grund strenger ArbeitnehmerSchutzrechte nur gegen hohe Abfindungen gefeuert werden. Wer mietet, dem kann kaum gekündigt werden. Und Arbeitslosigkeit ist kein Grund, Heimat und Eltern zurückzulassen, um sein Heil anderswo zu suchen. Die Familie füttert schon durch und dämpft in einem Land mit niedrigem Sozialstaatsniveau die kleinen und großen Lebenskatastrophen.

          Das größte Hindernis gegen Mobilität aber war der Erfolg Spaniens selbst. Das Land wuchs in den ersten Jahren des Jahrzehnts schneller als die meisten anderen Länder des Euro-Raums. Es wurde sogar so etwas wie ein Musterknabe, was die Haushaltsdisziplin angeht. Die Staatsschulden im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt sind immer noch niedriger als die deutschen. Jahrelang meldete der Finanzminister sogar Haushaltsüberschüsse.

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