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Schuldenkrise : Professor Euro

Sinn und Fuest sind beide ehrgeizige Wissenschaftler, die nicht im Elfenbeinturm hausen wollen. „Ich diskutiere gern in der Öffentlichkeit“, sagt Fuest. Er wisse aber auch um die Schwierigkeiten, die so eine Rolle als öffentlicher Intellektueller mit sich bringt. „Wissenschaft ist Differenzieren, die Medien lieben Schwarzweiß.“ Immerhin hat sich Kollege Sinn wegen seiner vielen Talkshow-Auftritte von Kritikern schon Schmähungen als Boulevard-Ökonom anhören müssen. Aber sich deshalb in die Studierstube zurückzuziehen? Das käme für Fuest nicht in Frage: „Wenn jemand eine relevante Erkenntnis gewonnen hat, muss er Fragestellung und Ergebnis auch in einfache Worte übertragen und übersetzen können.“

Die Kernfrage

Der wichtigste inhaltliche Unterschied zwischen Fuest und Sinn ist offenbar die Frage, ob es den Ländern Südeuropas gelingen kann, die Schwächen bei der Wettbewerbsfähigkeit innerhalb des Euro auszugleichen - oder ob das nur möglich ist, wenn sie den Euro (zumindest vorübergehend) verlassen, eine eigene Währung einführen und diese dann gegenüber dem Euro abwerten können.

Fuest glaubt, das gehe innerhalb des Euro. Oder besser: Es müsse gehen, weil die Alternative, der Euroaustritt, mit zu hohen Kosten für alle verbunden sei. Sinn hingegen meint, zumindest einige Länder Südeuropas müssten innerhalb des Euro ihre Löhne so stark senken, um wettbewerbsfähig zu werden, dass die Anpassung weder zumutbar noch durchsetzbar sei. Auch bei einem anderen Thema steht Fuest im Wettbewerb mit Sinn: etwa beim Ringen um den besten Konjunkturindex. Das ZEW gibt einen Index heraus, für den 400 Experten nach ihren Konjunkturerwartungen befragt werden. Sinn hingegen veröffentlicht monatlich den Ifo-Index, für den 7000 Unternehmen ihre Geschäftslage melden. An den Märkten findet der Ifo-Index mehr Beachtung. Trotzdem will Fuest an seinem ZEW-Index festhalten - und das Konzept sogar nach China exportieren.

Fuest wurde von Sinn gefördert, vor mehr als zehn Jahren in München, inzwischen aber vertritt er die gegenteilige These. Gleichwohl nennt Fuest Sinn einen hervorragenden Ökonomen, Manager und Förderer des wissenschaftlichen Nachwuchses.

Beide haben nämlich den Anspruch, nicht nur zu lehren und zu forschen, sondern auch Menschen zusammenzubringen. Vor zehn Tagen erwies sich Fuest beim ZEW-Wirtschaftsforum, einer Veranstaltungsreihe, die er erstmals leiten durfte, als hervorragender Gastgeber. Seine guten Kontakte nutzte er für eine hochkarätige Besetzung des Podiums: Zu Gast war nicht nur die Vizechefin der Bundesbank, Sabine Lautenschläger, und KfW-Chef Ulrich Schröder. Es kam sogar Commerzbank-Chef Martin Blessing - der Ritterschlag für den Organisator.

Typisch für Fuest ist, dass er sich ungern in Schubladen pressen lässt. Das gilt auch für die Frage, wie er es mit der deutschen Ordnungspolitik hält. Diese Ökonomen-Schule legt den Schwerpunkt auf wirtschaftspolitische Handlungsempfehlungen: Der Staat solle sich auf die Gestaltung der Wirtschaftsordnung beschränken, den Wirtschaftsprozess aber dem Markt überlassen. Fuest war in den neunziger Jahren Assistent bei Christian Watrin in Köln, einem prominenten Vertreter der Ordnungspolitik. Als er selbst Professor wurde, stellte Fuest aber die Mathematik in den Vordergrund, nicht die Lehre von Markt und Ordnung. Eine Emanzipation von der akademischen Vorgängergeneration? „Ich will den Studenten nicht meine politischen Überzeugungen aufdrängen“, sagt Fuest, „sondern ihnen wissenschaftliches Handwerkszeug für eine eigene Urteilsbildung an die Hand geben - und Herz und Verstand dafür öffnen, dass Vorstellungen, die sie mitbringen, vielleicht doch nicht so unumstößlich sind.“

Zur Ökonomie ist Fuest übrigens über ein Börsenspiel gekommen. Als Jugendlicher schnitt er dabei gut ab und sah sich zum Banker berufen. Zuerst studierte er in Bochum Wirtschaft, dann in Mannheim. Das Grundstudium fand er langweilig: Buchführung, abstrakte IS/LM-Diagramme. Aber irgendwann packte ihn die Volkswirtschaftslehre. Vor allem die Diskussionen über Wirtschaftspolitik in einer Übung hätten ihn fasziniert und den Umschwung bewirkt, sagt er. Die Übung hielt ausgerechnet ein Ökonom, der jetzt ein wichtiger Protagonist für die Auflösung der Eurozone ist und so zu Fuests Gegenspielern gehört: Joachim Starbatty, 73, Eurokläger und Nummer eins der Landesliste Berlin der Partei „Alternative für Deutschland“.

Der Finanzwissenschaftler Clemens Fuest (44) ist Präsident des Europäischen Zentrums für Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, Wirtschaftsprofessor und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Bundesfinanzministeriums. Er gehört zum wirtschaftsliberalen „Kronberger Kreis“. Geboren wurde Fuest in Münster. Nach dem Abitur studierte er Volkswirtschaftslehre in Bochum und Mannheim. 1994 wurde er in Köln promoviert, im Jahr 2000 habilitierte er sich in München. Von 2001 bis 2008 hatte er einen Lehrstuhl an der Universität zu Köln, danach wechselte er als Professor nach Oxford, bevor er nach Mannheim kam. Fuest ist mit einer Kolumbianerin verheiratet und hat drei Kinder.

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