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Schuldenkrise : Portugal und Spanien sind nicht Griechenland

  • -Aktualisiert am

Im Fokus der Finanzmärkte: Die Börse in Madrid Bild: AFP

Die Kurse griechischer Aktien und Staatsanleihen erholen sich. Italien kann ohne Probleme Anleihen im Volumen von 6,6 Milliarden Euro aufstocken, derweil Portugal eine vorzeitige Schuldentilgung anbietet.

          Die Finanzmärkte haben sich am Donnerstag spürbar von den gewachsenen Sorgen über einen möglichen Zahlungsausfall Griechenlands erholt. Griechische, portugiesische und irische Anleihen notierten teils deutlich fester. Hellenische Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zwei Jahren rentierten etwa mit rund 12,3 Prozent und damit 3,5 Prozentpunkte niedriger als am Vortag.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Auch die Kurse zehnjähriger griechischer Staatsschuldtitel stiegen, wodurch deren Rendite auf etwas über 9 Prozent sank (siehe Infografik). Investoren verlangen damit nun wieder eine geringere Risikoprämie, gemessen an entsprechenden, in Europa als ausfallsicher geltenden deutschen Bundesanleihen; zehnjährige deutsche Staatsanleihen rentierten knapp über 3 Prozent.

          Hoffen auf die Rettung

          An den Aktienmärkten Europas stiegen die Kurse. Der Dax legte um 1 Prozent auf 6142 Punkte zu. An der Athener Börse stieg der Leitindex Athex Composite um 7,25 Prozent auf 1835 Punkte. Stärker als der Index selbst kletterten vor allem die Kurse griechischer Bankaktien. Anteile an der National Bank of Greece, dem zweitgrößten Börsenwert des Landes, wechselten beispielsweise zu mehr als 18 Prozent höheren Kursen den Besitzer als am Vortag.

          In den auf breiter Front gestiegenen Kursen spiegelt sich die Hoffnung der Anleger wider, dass dem hoch verschuldeten Griechenland geholfen wird. Am Mittwoch wurde an den Märkten Finanzhilfe deutlich über 100 Milliarden Euro an Griechenland für möglich gehalten, verteilt über dieses und die kommenden beiden Jahre.

          Am Dienstagabend hatte die Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) die Kreditwürdigkeit Griechenlands auf Ramschniveau herab gesetzt, wodurch sowohl Anleihe- als auch Aktienkurse stark unter Verkaufsdruck geraten waren. Vor allem griechische Banken wären durch die Zahlungsunfähigkeit des Landes in ihrer Existenz bedroht, weil sie ein großes Volumen griechischer Staatsanleihen in ihren Bilanzen halten.

          Deutliche Unterscheidungen

          S&P hatte auch die Bonitätsnote für Portugal und einen Tag später die für Spanien gesenkt. Während portugiesische Anleihen daraufhin höher rentierten, hinterließ die Rating-Änderung bei den entsprechenden spanischen Titeln bislang kaum Spuren. Auch italienische Anleihen, die während dieser Krise mitunter mit griechischen, portugiesischen und spanischen in einem Atemzug genannt wurden, handeln nach wie vor fest. Das heißt, dass die Märkte klar zwischen den einzelnen Ländern unterscheiden.

          Am Donnerstag stockte Italien zwei Anleihen um 6,6 Milliarden Euro erfolgreich auf, wobei die Nachfrage für 10 Milliarden Euro gereicht hätte. Portugals Finanzminister bot an, schon am 3. Mai Anleihen über eine Milliarde Euro zurückzuzahlen, die erst am 20. Mai fällig werden und signalisierte damit, dass sein Land nicht klamm ist.

          Andere Verhältnisse

          In der Londoner City und in Frankfurt wird indessen zwischen zwei Dingen sorgfältig unterschieden: Zum einen halten fast alle Analysten mit Blick auf die fundamentalen volkswirtschaftlichen Daten einen direkten Vergleich Portugals und Spaniens mit der Notlage Griechenlands für wenig gerechtfertigt.

          Mit Blick auf die Dynamik an den Anleihemärkten und das Verhalten der Ratingagenturen wird jedoch vor einer Ausweitung der Liquiditätskrise auf Länder wie Portugal gewarnt. „Auch wenn es derzeit am Kapitalmarkt anscheinend niemanden interessiert: Die Haushaltslage ist in Portugal deutlich weniger dramatisch als in Griechenland“, heißt es in einer Analyse der Commerzbank. Die aktuelle Defizitquote von 9,4 Prozent, die Schuldenquote von 77 Prozent, der Kapitalbedarf des Landes am Anleihemarkt von nur noch 15 Milliarden Euro in diesem Jahr und die - wenn auch flaue - Konjunkturerholung stellten Portugal „spürbar besser“ als Griechenland (vgl. auch Portugiesische Anleihen: Problem Euro) Anders als Griechenland habe Portugal eine bessere Haushaltsdisziplin und einen stärkeren Reformwillen gezeigt. „Darum liegt die Hauptgefahr für portugiesische Staatsanleihen wohl weniger in der weiteren Entwicklung des Landes, sondern darin, dass es unter dem Eindruck der Griechenland-Krise zu einem Käuferstreik am Kapitalmarkt kommt.“

          Bedeutung von Ratings nicht entscheidend

          Der für der für Europa zuständige Chefvolkswirt von Goldman Sachs, Erik Nielsen, empfindet die Reaktion am Markt für „möglicherweise übertrieben“. Theoretisch könne zwar jedes Land von einer Liquiditätskrise erfasst werden. Von daher sei nicht ausgeschlossen, dass sich der Internationale Währungsfonds auch mit Blick auf ein anderes Land in den kommenden Monaten mit einem Hilfspaket werde befassen müssen. „Aber angesichts der fundamentalen Daten haben wir immer betont, dass Griechenland am meisten in Gefahr ist: Portugal ist ein Grenzfall, Spanien und Italien sind in Ordnung.“

          Aus Nielsens Bank hieß es, dass die Ratingagenturen mit ihren Bonitätsbewertungen hinter dem Markt her rennten und nur widerspiegelten, was die Märkte ohnehin täglich diskutierten. Da Griechenland ein voll finanziertes Hilfsprogramm erhalten werde, machten die Abwertungen für Griechenland jetzt keinen Unterschied mehr.

          Zur möglichen Ausbreitung der Griechenlandkrise auf andere europäische Länder sagt Karsten Stroh, Fondsmanager von JP Morgan Asset Management: „Die Lage in Portugal und Spanien ist alles andere als gut, aber sie ist besser als in Griechenland. Ökonomisch betrachtet gibt es - insbesondere für Spanien - keinen Grund, von einer baldigen Ansteckung dieser Länder zu sprechen. Allerdings gibt es dafür auch keine Gewähr, weil an den Märkten ebendie Psychologie entscheidend ist und viele Investoren die Ansteckungstheorie gerade für Portugal für möglich halten.“ Die Citigroup warnt am stärksten vor einem Flächenbrand: „Zwar ist die Situation von Portugal und Spanien grundsätzlich besser als die Griechenlands, aber Solvenz ist eine Frage von Vertrauen.“

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