https://www.faz.net/-gqe-c4t

Schuldenkrise : Portugal kommt immer schwerer an Geld

  • Aktualisiert am

Portugal gilt als zur Zeit größter „Wackelkandidat” der EU Bild: AP

Noch hat das mit schweren Finanznöten kämpfende Portugal keine europäischen Milliardenhilfen beantragt. Doch am Markt wird es immer schwieriger für das Land, sich frisches Geld zu beschaffen.

          Portugal hat bei der Aufnahme von kurzfristigem Geld immer größere Schwierigkeiten. Investoren verlangen inzwischen für Anleihen mit einer Laufzeit von sechs und zwölf Monaten deutlich mehr als fünf Prozent Zinsen. Die Auktion der Papiere bestätige, dass sich die Finanzbedingungen am Markt verschlechterten, erklärte das portugiesische Finanzministerium am Mittwoch. Die Regierung sei aber in der Lage, ihren finanziellen Verpflichtungen nachzukommen.

          Der Sprecher von EU-Währungskommissar Olli Rehn bestätigte in Brüssel, dass Portugal bisher keine Milliardenhilfen beantragt habe. „Die Kommission ist bereit, einen jeglichen Antrag zu prüfen.“ Einen Bericht der „Financial Times“, wonach die Regierung in Lissabon zur Zeit mit der EU über finanzielle Hilfe für kurzfristige Zahlungsverpflichtungen verhandelt, dementierte ein enger Mitarbeiter des geschäftsführenden Regierungschefs José Sócrates. „Das ist nichts weiter als ein Gerücht ohne Grundlage“. Der Sprecher von EU-Währungskommissar Rehn sagte weiter, das europäische Hilfsinstrumentarium stehe seit längerem für Notfälle bereit. Das ist vor allem der Rettungsfonds EFSF, der bis zu 250 Milliarden Euro an klamme Eurostaaten ausleihen kann. Im Gegenzug wird von dem Krisenstaat ein striktes Sparprogramm verlangt.

          Kleine Atempause

          Insgesamt nahm die Regierung in Lissabon am Mittwoch gut eine Milliarde Euro am Markt auf und verschaffte sich damit etwas Luft vor der anstehenden Rückzahlung von Anleihen im Volumen von etwa 4,3 Milliarden Euro noch im April. Dieses Geld liegen schon bereit, sagte ING-Experte Paolo Pizzoli. Im Juni steht eine weitere Rückzahlung von Papieren im Volumen von 4,9 Milliarden Euro an. Dafür sei die Regierung aber wahrscheinlich noch nicht vollständig gerüstet, fügte Pizzoli an. Am Markt wird damit gerechnet, dass die Regierung in Lissabon nicht um Hilfsgeld der Europäischen Union und des Internationalen Währungsfonds (IWF) herumkommt.

          Erschwert wird die Lage aber durch den Rücktritt der sozialistischen Minderheitsregierung von Jose Socrates. Socrates hat sein Amt aufgegeben, nachdem sein jüngstes Sparpaket im Parlament keine Mehrheit gefunden hatte. Das Finanzministerium führt die steigenden Zinsen auch auf die Ablehnung der Sparmaßnahmen durch die konservativen Sozialdemokraten zurück. Socrates führt derzeit eine Übergangsregierung, Neuwahlen sind für den 5. Juni angesetzt. Offen ist, ob diese Übergangsregierung über das Mandat verfügt, um Hilfe zu ersuchen. Socrates lehnt ein Hilfspaket, wie es im Herbst 2010 Irland erhalten hat, für sein Land ab.

          Längere Laufzeiten praktisch nicht mehr möglich

          Doch am Markt wird es immer schwieriger, Geld zu beschaffen. Für sechs Monate muss Portugal nun 5,117 Prozent Zinsen zahlen, für zwölf Monate sogar 5,902 Prozent - noch vor drei Wochen waren es lediglich 4,331 Prozent. Immerhin war die Nachfrage bei beiden Papieren mehr als doppelt so hoch wie das Angebot. Die Emission von Papieren mit einer Laufzeit von zwei oder mehr Jahren gilt inzwischen als kaum mehr möglich; hier liegt die Rendite am Zweitmarkt inzwischen bei ungefähr neun Prozent und damit deutlich über den sieben Prozent, welche die Regierung in Lissabon als tragfähig ansieht.

          Portugal gilt als zur Zeit größter „Wackelkandidat“ der EU. Viele Finanzexperten gehen davon aus, dass das Land früher oder später unter den Euro-Rettungsschirm flüchten muss. Ratingagenturen hatten die Kreditwürdigkeit des ärmsten europäischen Landes mehrfach herabgesetzt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Niederländer Ben van Beurden, Jahrgang 1958, ist seit 2014 Vorstandsvorsitzender des Ölkonzerns Shell.

          Konzernchef im Gespräch : „Shell muss sich ändern“

          Ben van Beurden, der Chef von Europas größtem Ölkonzern, spricht im Interview über den Umstieg auf erneuerbare Energien, Heuchelei an der Börse und den brennenden Regenwald.
          Der britische Premierminister Boris Johnson vergleicht sich selbst mit dem „unglaublichen Hulk“, der sich aus seinen Fesseln befreit.

          Brexit um jeden Preis : Der wütende Hulk

          Großbritannien werde sich aus seinen „Fesseln“ befreien wie die ultra-starke Comicfigur, wenn es bis 31. Oktober keinen Brexit-Deal gebe, erklärt Johnson. Auch gegen die Anordnung des Parlaments. Vor neuen Gesprächen mit der EU zeigt er sich dennoch „sehr zuversichtlich.“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.