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Schuldenkrise : Italienischer Sommer

Handelt: Finanzminister Giulio Tremonti Bild: dpa

In der Krisenwoche für Italiens Staatsfinanzen enthielt sich Ministerpräsident Silvio Berlusconi öffentlicher Auftritte: Bühne frei für Finanzminister Giulio Tremonti.

          Der Schock sitzt tief. Vor wenigen Tagen noch hatten die Italiener gelangweilt den üblichen Kleinkrieg der römischen Politik erlebt. Eine „Entscheidungsschlacht zwischen Berlusconi und Tremonti“ kündigten die Zeitungen an und kommentierten „die tägliche schlechte Komödie“, am Beispiel des italienischen Schatz- und Finanzministers. Der sprach in der Öffentlichkeit abfällig über einen Ministerkollegen und wurde sogar gestreift von Ermittlungen der Staatsanwälte, die sich um einen Abgeordneten und politischen Berater drehten.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Dann folgte ein schwarzer Freitag. „Die Märkte stürzen ab, Italien zittert“, hieß es am folgenden Tag. Und dann natürlich: „Angriff auf Italien“. Die Risikozuschläge, die Italiens Schatzminister gegenüber den Titeln seines deutschen Kollegen bieten muss, wuchsen unversehens in nie gekannte Höhen, zumindest seit dem Start der Währungsunion. Der Wert von 2,8 Prozent wurde vor einer Woche übersprungen, dann ging es in den folgenden Tagen weiter bis oberhalb von 3,4 Prozentpunkten. Darin spiegelt sich die wachsende Angst vor einem Kreditausfall Italiens mit seinen 1890 Milliarden Euro an Schulden wieder.

          Zwar lagen die Risikozuschläge für die italienischen Staatsanleihen Mitte der Neunziger Jahre noch weitaus höher, bei mehr als 6 Prozentpunkten. Doch darin war auch die Gefahr von steigender Inflation und von Abwertungen der italienischen Lira gegenüber der D-Mark enthalten – Risiken, die es nun im Euro-Land nicht mehr gibt. Das einzig übriggebliebene Risiko, die Gefahr einer Staatspleite, hatte die Finanzwelt selbst für das hochverschuldete Italien jahrelang als vernachlässigenswert eingeschätzt, mit Zuschlägen von 0,2 bis 0,5 Prozent. Doch nun scheint Griechenland verloren, die Staatsanleihen von Portugal und Irland sind ebenfalls auf Ramschniveau abgewertet. Ganz plötzlich rückt Italien in die vorderste Reihe der lohnenden Spekulationsobjekte. Was daraus für Folgen entstehen können, ließ sich an der Notierung der Bankaktien ablesen. Die haben am schwarzen Freitag der Italiener zwischen 3 und 8 Prozent ihres Wertes verloren, in der gesamten Woche zwischen 10 und 20 Prozent, aus Angst, die Zweifel an Italien könnten auch die vielen Staatstitel in italienischen Bankbilanzen entwerten.

          Schweigt: Silvio Berlusconi

          Ganz und gar nicht apathisch

          Für die Italiener sind die Zweifel und Turbulenzen eine Rückkehr in längst vergessene Zeiten. Allzu lang wähnten sich die Italiener in der Währungsunion sicher und unangreifbar. „Der Euro war bisher für uns wie eine Festung, deren Vorteile wir zuvor nie erlebt hatten, und damit wie ein Traum“, sagt die Spezialistin für Staatstitel der Wirtschaftszeitung „Il Sole 24 Ore“. Die Inflation, mit deren Folgen früher die Italiener zu kämpfen hatten, war im Euro-Land in Vergessenheit geraten. Wegen der regelmäßigen Abwertungen der italienischen Lira, die den Exporteuren immer wieder einen kurzlebigen neuen Schub an Konkurrenzfähigkeit verschaffen sollten, hatten die italienischen Urlauber im Ausland das Nachsehen mit ihrer schwachen italienischen Lira. Dagegen konnten sich in den vergangenen zehn Jahren die Italiener erstmals davon überzeugen, was es bedeutet, mit einem Euro zu verreisen, der in der übrigen Welt viel Wert besitzt.

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