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Schuldenkrise in Griechenland : Das Misstrauen im Euro-Raum wächst

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die wirtschaftliche Misere Griechenlands treibt die Finanzierungskosten für alle finanzschwachen Euro-Staaten in die Höhe. Nächste Ziele einer Misstrauenskampagne der Anleger könnten Portugal und Spanien sein.

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          Die griechische Schuldenkrise und besonders der fragwürdige Umgang der griechischen Regierung mit den Fakten hat auch die Finanzierungskosten anderer finanzschwacher Euro-Staaten in die Höhe getrieben. Am Freitag habe sich der Markt zwar etwas beruhigt, berichteten Händler. Aber Misstrauen präge weiterhin das Geschehen. Selbst positive Meldungen, wie Spaniens Ankündigung, die Ausgaben in diesem Jahr um 4 Prozent zu reduzieren und das Rentenalter zu erhöhen, bewirkten keine nachhaltige Besserung. Die Anleger seien zu oft enttäuscht worden, besonders von Griechenland, deshalb seien sie nun zurückhaltend, berichteten Händler. Man wolle abwarten, ob die von den Staaten in Aussicht gestellten Ausgabenkürzungen wirklich vollzogen würden.

          In den vergangenen Tagen hatten Gerüchte um angebliche Hilfsanstrengungen und deren Scheitern das Misstrauen gegenüber Griechenland auf einen neuen Höhepunkt getrieben. Die Verkaufswelle trieb die Rendite griechischer Anleihen so stark in die Höhe, dass sie nun 3,7 Prozentpunkte höher liegt als die deutscher Bundesanleihen, der Referenz für den europäischen Rentenhandel.

          Zinsaufschläge für Italien und Irland bleiben stabil

          In der Folge stiegen auch die Risikoprämien für andere Euro-Staaten. Der Zinsaufschlag portugiesischer Anleihen gegenüber deutschen Titeln hat sich seit Anfang Januar auf 1,2 Prozentpunkte verdoppelt. Spaniens Risikoprämie ist in dieser Zeit von 0,6 auf rund 1 Prozentpunkt gestiegen. Relativ stabil verlaufen dagegen die Zinsaufschläge für Italien und Irland, die derzeit bei 1 beziehungsweise 1,65 Prozentpunkten liegen und sich in den vergangen Tagen nur mäßig erhöht haben.

          Für Griechenland hat die Schuldenkrise unmittelbare Folgen. Die jüngste Anleiheemission über 8 Milliarden Euro konnte dank enorm hoher Zinsen zwar reibungslos platziert werden. Aber die Zinsen sind um 3 Prozentpunkte höher, als bei der Anleihe die demnächst ausläuft. Dadurch erhöht sich die jährliche Zinslast allein durch diese Emission um rund 250 Millionen Euro. Bei Staatsschulden von 280 Milliarden Euro könnte es schmerzhaft werden, wenn Griechenland über längere Zeit derart hohe Zinsen für neue Anleihen bieten müsste. Derzeit liegt die Rendite zehnjähriger Titel bei mehr als 7 Prozent. Vorerst muss die griechische Regierung aber froh sein, überhaupt an Geld zu kommen. Bisher hat sich über den Anleihemarkt rund 13 Milliarden Euro finanziert. Für das ganze Jahr benötigt sie insgesamt rund 53 Milliarden, davon 20 Milliarden in den Monaten April und Mai.

          Bei Zahlungsausfall bleibt Mitgliedsstaaten noch Notfallfonds

          Als schwächstes Glied in der Kette gilt Griechenland. Unter anderem wegen des hohen Leistungsbilanzdefizits. Die Einfuhr von Gütern und Dienstleistungen, übersteigt die Ausfuhren um einen Wert, der 12 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung entspricht. Das Defizit sei für die Finanzkraft aufschlussreich, weil es zeige, dass der private Sektor des Landes nicht die Staatsschuld allein finanzieren könne, heißt es in einer Studie von Goldman Sachs. Die Regierung sei bei der Finanzierung auf ausländische Quellen angewiesen. Spanien und Irland hätten ihre Leistungsbilanzdefizite deutlich verringert, in Italien, Griechenland und Portugal habe sich nur wenig getan. In allen fünf Ländern, besonders in Irland, sei jedoch die private Ersparnisbildung gestiegen.

          Trotz der jüngsten Sparankündigungen hält die Commerzbank Spanien für das nach Griechenland nächstschwächste Glied in der Kette der Euro-Staaten. Zwar seien Staatsverschuldung und Zinslast relativ gering, aber in Spanien hätten Unternehmen und Haushalte ihre Verschuldung in den vergangenen Jahren stark erhöht. Die notwendige Korrektur werde zusammen mit den Folgen des Werteverfalls auf dem Immobilienmarkt die Wirtschaft belasten. Zudem sei der Arbeitsmarkt besonders unflexibel, was die Anpassung erschwere.

          Unterdessen kursieren weiter Gerüchte um die Planung von Hilfen der anderen Mitgliedstaaten der Währungsunion für Griechenland. Die Europäischen Verträge verbieten solche Hilfen, gleichwohl rechnen vielen Marktteilnehmer damit, das sie dennoch kommen werden. Die BHF-Bank hat nun Überlegungen veröffentlicht, wie solche Hilfen unter scheinbarer Wahrung der Verträge gestaltet werden könnten. Am wahrscheinlichsten sei, dass bei einem drohenden Zahlungsausfall eines Euro-Landes ein Notfallfonds aufgelegt werde. Dabei könnten sich die Staaten auf Artikel 122 des Vertrags zur Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) berufen. Dort sind Hilfen erlaubt, als Reaktion auf Naturkatastrophen oder „außergewöhnliche Ereignisse“, die sich der Kontrolle des verschuldeten Staates entziehen.

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