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Schuldenkrise : Griff nach unserem Gold

  • -Aktualisiert am

Gigantische Schattenkreditpyramide

Fast täglich kauft die Zentralbank italienische Staatsanleihen am Markt, um die Zinsen für den klammen Schuldner in Rom nahe sechs Prozent zu halten. Das Dumme ist nur, dass der Markt den politischen Zins nicht akzeptiert. „Außer der EZB kauft niemand mehr italienische Anleihen“, berichtet der Chef einer großen internationalen Vermögensverwaltung. Die Anleger glauben den Versprechen der Politik nicht. An künstlich niedrigen Zinssätzen durch die EZB will sich niemand die Finger verbrennen. Alle wissen, die Zentralbank kann einen so großen Schuldner wie Italien (1,9 Billionen Euro Staatsanleihen) nicht auf Dauer vom Markt nehmen.

Auch der andere Weg der Vergemeinschaftung von Staatsschulden über die Notenbanken verunsichert die Investoren zusehends. Unbemerkt von Politik und Öffentlichkeit hat das System europäischer Zentralbanken eine gigantische Schattenkreditpyramide aufgebaut, die vollautomatisch funktioniert und täglich um Milliarden wächst. Während der Bundestag um die Haftungsgrenze für Steuerzahler von 211 Milliarden Euro ringt, türmen sich heimlich über das Target genannte europäische Zahlungsverkehrssystem unglaubliche Kreditrisiken auf. Die Südschiene plus Irland sollen bei der deutschen, niederländischen und finnischen Notenbank mit etwa 630 Milliarden Euro in der Kreide stehen. Allein in den Monaten August und September sind die Forderungen der Bundesbank gegen das Euro-System von 343 auf 450 Milliarden Euro nach oben geschnellt. Die Verbindlichkeiten der Banca d’Italia haben sich in dieser Zeit um mehr als 80 Milliarden Euro erhöht. In den Daten der deutschen und italienischen Notenbank spiegelt sich die rasante Kapitalflucht aus Italien.

Den Ausfall müssten die Steuerzahler tragen

„Die Kreditverlagerungen nach Südeuropa wirken ähnlich wie Eurobonds“, erklärt Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner Ifo-Instituts. Es handelt sich um gemeinschaftlich besicherte Kredite der Bundesrepublik an die Schuldensünder, die diese in die Lage versetzt, mehr Güter und Vermögenswerte im Ausland zu kaufen, als es ohne Kredit möglich wäre. Weil Länder mit hohen Leistungsbilanzdefiziten sich automatisch über die europäischen Zentralbanken finanzieren können, entfalle im Euro-System der Zwang zum Abbau von Ungleichgewichten, ergänzt Helmut Schlesinger, der wie kaum ein anderer Notenbankbilanzen zu lesen versteht, nachdem er 22 Jahre lang die Bilanz der Bundesbank unterschrieben hat. Die Salden aus Target sind mehr als nur statistische Posten, wie behauptet wird. Dahinter stecken Kreditgeschäfte über Notenbanken statt über private Banken oder den Staat.

2007 lag der Bestand an Targetkrediten der Bundesbank noch bei null, inzwischen ist er auf 450 Milliarden Euro gestiegen. Die Risiken daraus trägt die Bundesbank nicht allein, auf sie entfällt aber nach dem EZB-Kapitalschlüssel mit 27 Prozent der größte Teil. Das Euro-System konnte die Salden so lange kleinreden, wie man der Illusion nachhing, kein Land trete aus der Währungsunion aus. Irgendwann werde selbst Griechenland seine Kredite zurückzahlen, glaubte man. Doch was passiert, wenn die Griechen den Euro nicht mehr haben und lieber einen harten Schuldenschnitt vornehmen wollen? Das wäre eine Katastrophe für das Euro-System. Das im Vergleich zu den Krediten mickrige Eigenkapital der EZB wäre weg. Den Ausfall müssten die Steuerzahler tragen. Nicht von ungefähr lehnt die EZB jede Umschuldung kategorisch ab.

Nach den Turbulenzen in Cannes und Athen kann die EZB erst einmal durchatmen. Die Griechen werden nun doch nicht in einem Referendum gefragt, Ministerpräsident Papandreou hat in der Nacht zum Samstag das Vertrauen des Parlaments gewonnen. Der Abschied vom Euro ist (zunächst) kein Thema mehr. Notenbanken dürfen also weiter das große Rad mit Schattenkrediten drehen - und das ohne jede parlamentarische Kontrolle.

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